Wine
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1,46 – Challenge accepted

Auf der Eat & Style gewesen. Wein getrunken. Am Messestand von Capreo hängengeblieben. Der Weinvertrieb Capreo kooperiert mit dem Supperclub Die Weinküche. Capreo wiederum möchte mit mir kooperieren. Visitenkarten wurden ausgetauscht. Wir wurden uns schnell einig.

Und so kommt es, dass ich mich an einem Samstag Abend im November im furchtbar kalten Berlin in einer Dachgeschosswohnung in der Brunnenstraße wiederfinde. Thema des Abends: Weinreise Südafrika. Aus jedem Winkel des Raums gut sichtbar prangt der Schriftzug „Weinküche“ an der Dachschräge, in einer Schriftart, die es in ihrer Gefälligkeit locker mit Comic Sans aufnimmt. Bei Ankunft der Gäste steht Kerstin, die eine menschliche Hälfte der Weinküche, schon am Herd und das wahrscheinlich nicht erst seit gerade eben. Holger, die andere Hälfte der Weinküche, begrüßt jeden mit Handschlag und der keinen Widerspruch duldenden Aufforderung, sich „wie zuhause“ zu fühlen. Tropfenden, vom Kälteeinbruch in Mitleidenschaft gezogenen Nasen wird nicht mit einem einzelnen, sondern einer ganzen Packung Taschentücher geholfen.

Wer frei atmet, hat auch mehr vom Aperitif, einem, hoppla, perlenden Rosé Cape Jazz Shiraz, dem man sein Shiraz-Dasein nicht so recht abnehmen will. Vom gewohnten Rosé (nur quartalsweise verkostet, bevorzugt im Sommer und auch das nur jenseits der deutschen Grenzen) trennt ihn das Traubensaftige, in der Broschüre steht Erdbeeraroma. Auf Anhieb fallen einem mindestens fünf Anlässe ein, zu denen man einen solchen Trauben-Erdbeer-Tropfen trinken würde und alle haben sie mit Sommer zu tun.

Von der Bürde der freien Platzwahl scheint keiner der zwölf Gäste überfordert, was zählt ist die ad-hoc-Sympathie und eventuelle Sprachbarrieren (David kommt aus Cornwall). So ein Supperclub ist ja, wie schon an anderer Stelle eruiert wurde, immer auch vom sozialen Element bestimmt. Schlimmstenfalls bewahrheitet sich Sartres Bonmot von Menschen und Höllen. Umso schöner, wenn sich keine Höllenschlunde auftun, sondern die direkten Nebensitzer sich frank und frei als „Foodie“ bezeichnen. Auch sie zücken vorm Essen das Smartphone, falsche Scheu kann man sich also sparen. Foodies unter sich, das heißt: noch vor dem Zwischengang sieben neue Punkte für die To-Do-Liste (Hierhin. Und hierhin. Und hierhin).

Als Vorspeise serviert Kerstin Geräucherte Samosas mit Auberginen und Rosen-Chili-Dip. Gefüllt sind die Samosas mit Scarmoza, ein schöner Kontrast zum ebenfalls rauchigen Auberginenaroma. Die purpurnen Fäden, von mir fälschlicherweise als Safran klassifiziert, bewahren ihr Geheimnis und schmecken leider ein bisschen nach Stroh. (Holger berichtigt mich: es sind Rote-Bete-Sprossen!). Der Weinbegleitung erster Teil ist ein Chenin Blanc „Old Vine Reserve“ 2013 von Ken Forrester für 10,90 Euro. Alternativ ein Chardonnay von Declaire Graff, ebenfalls 2013 für 15,90 Euro. Oder ergänzend – und hier sind wir bereits beim gleichzeitig schönsten und problematischsten Aspekts dieses Abends angelangt. Potentiell gute Vorsätze (selbstständig den Heimweg antreten) verflüssigen sich im wahrsten Sinn des Wortes angesichts Holgers Ankündigung, man rechne pro Person mit  1,46 Flaschen Wein: 19 Flaschen, beziehungsweise 18, wobei die Magnum doppelt zählt, geteilt durch dreizehn Trinker. 1,46 Flaschen? Challenge accepted.

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Geräucherte Samosas mit Auberginen und Rosen-Chili-Dip ohne Safran.

Ich mag beide, den Chardonnay (Mandel, Honig) und den Chenin Blanc (Apfel), wobei schluckweise erprobte Unentschiedenheit keine gute Idee ist, wenn sich Gläser wie von Zauberhand auffüllen. Als ich finde, dass mir der Chardonnay ein bisschen mehr schmeckt (dass auch die teurere Wahl immer die bessere sein muss!), wird schon die nächste Flasche entkorkt, ein Sauvignon Blanc „The Outlier“ vom Weingut Jordan aus dem Jahr 2010. Fast unbemerkt passiert parallel dazu die zweite Vorspeise den Gaumen, ein sogenanntes Sovaki du Cap, namentlich Meeresfrüchte in einer Harissa-Creme. Leider kann mich auch dieses Gericht nicht von der Daseinsberechtigung der/die/des Calamaris überzeugen, der wieder mal ein Schlauch ist; dafür ist das Brot delikat und Tunken eine Kulturtechnik, die gar nicht genug zu würdigen ist.

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Sovaki du Cap: Meeresfrüchte in einer Harissa-Creme.

Es folgt der Zwischengang, ein in Paprika gedünsteter Fisch mit Pilzen, Tymiangnocchi und Knoblauchsauce. Ohne Frage befinden wir uns, was den Proviant, also die feste Nahrung betrifft, auf dem sensorischen und textuellen Höhepunkt dieser Weinreise. Entgegen der Erwartung begräbt das Knoblaucharoma den Fisch nicht unter sich, sondern begegnet ihm auf Augenhöhe. Die offenbar hausgemachten Gnocchi und der Langarm – Cape Blend 2012er von Solms Delta tun ihr Übriges. For your interest: beim Langarm handelt es sich um einen „schweren Roten“, einer Cuvée aus Pinotage, Shiraz, Touriga Nacional (einer autochthonen Rebsorte aus Portugal; mir völlig unbekannt) und Mouvèdre. Dass sich der Weißwein-mit-Fisch-Trinker unter Umständen als Banause entlarvt, habe ich ja glücklicherweise schon gelernt.

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In Paprika gedünsteter Fisch mit Pilzen, Tymiangnocci und Knoblauchsauce.

Auf das Angebot einer zweiten Portion Gnocchi komme ich umso lieber zurück, als sich die ersten fünf Achtel bemerkbar machen. Die Weinbegleitung eines Fünfgänge-Menüs lässt sich ja nur bei entsprechender Grundlage stemmen. Zumal „Weinbegleitung“ eher ein Schlückchen meint als einen Schluck und in den seltensten Fällen einen Runde um Runde drehenden Gastgeber, den der Akt des Nachschenkens selig macht wie den Samariter das Barmherzig-Sein. Zur seelischen und moralischen Erbauung rechnen sich Nebensitzer derweil gegenseitig ihre Trinkfestigkeit vor mit der simplen Formel „Gewicht mal Größe geteilt durch Geschlecht.“ Ich schneide schlecht ab. Hinzu kommt, dass es sogar die Weißweine nicht unter 14 Prozent machen.

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Lamm, slow cooked, auf Eierrahm mit Bananeneiscreme und Puffreis.

Beinahe vergesse ich, den nun folgenden Hauptgang zu fotografieren (mein Nachbar der Foodie erinnert mich an meine Bloggerpflicht): Lamm, slow cooked, auf Eierrahm mit Bananeneiscreme und Puffreis. Lamm und Banane, eine außergewöhnliche Liaison; meinen Segen hat sie. Kalt und warm, schmelzend (Fleisch) und schmelzend (Eis), das ist kaum zu toppen. Natürlich ist es doch zu toppen durch den 2010er Pierneef Shiraz-Viognier von La Motte – jenem Wein, in den ich mich einige Wochen zuvor am Capreo-Messestand verliebt habe und von dem mich einzig sein stolzer Preis von knapp zwanzig Euro pro Flasche abhielt, so viel davon mitzunehmen, wie eine Fahrt mit der BVG zulässt. Der Radius der in der Runde kreisenden La Motte-Flasche wird kleiner und kleiner, bis sie vor mir zum Stehen kommt.

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Ratzeputz.

Zauberkünstler Holger, rotwangig wie seine Gäste, schüttelt schon das nächste Ass aus dem Ärmel, einen Donatus Red Magnum 2009 von Dornier. Dass es sich um eine Magnumflasche (1,5 Liter) handelt, ist die Fußnote in diesem dekadenten Fließtext. Allein der Preis von 42,50 Euro pro Flasche lässt Schlüsse zu, dass dies der Moment des höchsten Genusses sein sollte. Allein, ich kann nicht mehr.

Das Zitronengras-Panacotta mit Mango Salsa ist nur noch ein ferner Gruß aus der Küche. Kein Foto. Der Dessertwein Amber von Muratie, 2011 eine Station zu viel auf der Reise. Nur noch mit einem halben (nicht mal mehr einem) Ohr höre ich, wie sich Holger aufmacht, dem Keller einen „besonders edlen Tropfen“ zu entlocken. Es ist noch nicht mal Mitternacht. Aus der Ferne dämmert die Erinnerung der letzten Weinreise herauf, herunter, herrje. Damals: drei Tage Zeit für ein einziges Bundesland. Heute: über eine Million Quadratkilometer in weniger als fünf Stunden. Manche Herausforderungen müssen Versuch bleiben.

Danke an Daniel Villbrandt von Capreo, Kerstin und Holger von der Weinküche und all die netten Mitesser für ein wenig südafrikanische Wärme im saukalten Berlin.

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