FullSizeRender
Artikelformat

Besser den Rum im Koffer als die Zigarre zu Hause

Hinterlasse eine Antwort

Ein Kubaurlauber kriegt im Vorfeld die zwei immer gleichen Mitbringselwünsche aufgetragen: Zigarren und Rum. Wer sich für eine der beiden Sachen weder interessiert noch Ahnung davon hat, kann seine ganze Energie in die andere investieren. In meinem Fall ist es der Rum.

Bislang kannte ich diesen nur als Zündstoff für die Feuerzangenbowle. Bis zum nächsten Winter staubt die übrig gebliebene Flasche dekorativ auf der Hausbar ein. Auch der Eggnog hat nicht so geschmeckt, dass ich das noch mal brauche. Die Chancen stehen gut, dass ein dreiwöchiger Kuba-Aufenthalt das ändern wird.

Anders, als der Name vermuten lässt, gibt es im All-Inclusive-Hotel bei weitem nicht alles. Im Gegenteil, selbst der Quartals-Bargänger findet schnell einen Drink, von dem die sogenannten Barkeeper noch nie gehört haben. „International“ wird es mit Bloody Mary, Ron Collins, Margarita, White Lady und White Russian. Was landestypisch geht: Cuba Libre, Cubata, Mojito, Pina Colada, Habana Special.

FullSizeRender-2

Rum-Patron auf Lebzeiten: Ernest Hemingway

Cuba Libre oder, als upgegradete Version mit dunklem statt weißem Rum Cubata, ist ein durch und durch dialektisches Getränk. Auch in großen Mengen macht es nur unwesentlich betrunken, dafür auf eine energetische Art. Erfrischend auch im lauwarmen Zustand, fördert es gleichzeitig den Durst, anstatt ihn zu löschen. Paradoxerweise schürt es den Cola-Ekel UND versöhnt mit dem als Kalorien-Veranschaulicher herhaltenden Gesöff (zehn Stück Würfelzucker pro Glas!). Zeitweilig glaube ich, mit dem Cubata das perfekte Getränk für den Sommer 2015 gefunden zu haben, selbst mit lauwarmer No-Name-Dosencola ein Hochgenuss – und weiß doch im selben Moment, dass es sich damit wie mit den meisten Souvenirs verhält: Vor Ort abartig toll gefunden, Zuhause jeden Reiz verloren.

Bei den „internationalen“ wie den nationalen Drinks schwankt die Qualität natürlich abhängig vom sogenannten Barkeeper erheblich; meistens wünscht man sich, die goldene Tresenregel zu brechen und sich sein Getränk selbst zu mischen. Ganz recht muss man da dem Herrn Papa geben, der früh erkennt, dass Rum pur die beste Wahl ist. Wer nicht aufpasst, wird natürlich auch da, goldene All-inclusive-Regel, mit der billigsten Version abgespeist, dem hierzulande unbekannten Ron de Cubay. Abgesehen vom Billig-Rum, versündigt sich diese Marke durch schamloses Kopieren von Markenspirituosen. Dass statt Maraschino „Cherry“ auf der Flasche steht, statt Blue Curaçao „Sky“ und der „Coffee“ frech als Bailys ausgegeben wird, daran stört sich außer mir niemand. Zurück zum Rum: Der Ron Cubay (nicht Ron de Cubay – danke für den Hinweis, lieber Matthias) ist immer noch trinkbarer als das, was bei mir in die Feuerzangenbowle kommt. Besser aber, man wird konkret mit seinen Wünschen, denn genug Alternativen gibt es, eine ganze Batterie von Havana Club- oder Santiago de Cuba-Produkten.

Das Beste, dem All-inclusive-Urlauber Vergönnte ist ein fünfjähriger Reserva. Für Lieblingsgäste halten die echten Barkeeper (nicht die sogenannten) sogar eine Flasche Zehnjährigen unterm Tresen bereit. Ein Rätsel bis zum Schluss bleibt die Flasche mit dem Elixir-Etikett. Es handelt sich nicht wie erwartet um einen Likör, aber er ist weicher, honigähnlicher als die herkömmliche Variante. Egal welche Variante es ist: Finger weg vom Eis, das macht das Aroma kaputt. Vielleicht wissen das alle, ich wusste es nicht.

Eine schöne Abwechslung von der unterschiedlich stark ausgeprägten Unkundigkeit der Hotelbarkeeper (den Liebling ausgenommen) bringt der Trip nach Havanna. Ein Highlight aus professioneller Sicht ist der dortige Besuch des Rum-Museums. Bei all der Praxis soll die Theorie ja nicht zu kurz kommen. Und wirklich, es sind lehrreiche fünfundvierzig Minuten. Wir lernen: Die zwei- und dreijährigen Rumsorten werden nicht pur getrunken, sondern gemischt, mit Cola (Cuba Libre), seltener Sprite oder mit Maraschino und Ananassaft (Habana Special). Einen zehn Jahre alten Rum nennt man Selecion, ab fünfzehn fängt es an, teuer zu werden und, wie leider so oft, interessant. Den fünfzig bis hundert Jahre alten Maximo kann sich keine Küchenperle mehr leisten,  nicht mal als Probierschluck.

FullSizeRender

Die lange Liste der Dinge, die man sich ziemlich sicher niemals wird leisten können.

Überraschend ist die Information, dass keine kubanische Rumsorte mehr als 40 % Alkoholgehalt hat, auf Jamaica produzierte hingegen bis zu 60 %. Neu ist auch die Erkenntnis, dass bei Rum wie beim Wein von einer Maische die Rede ist. Alles, was man sonst über die Herstellung wissen muss, steht bei Wikipedia.

Mindestens so interessant wie die Ausführungen des stellenweise mit unverständlichem Akzent referierenden Guides, ist das Menscheln um ihn herum. Natürlich wird bei der deutschen Führung mehr über Wein als über Rum geredet – an dieser Stelle schöne Grüße an Petra und Walter nach München, solcherlei Empfehlungen nehmen wir immer gerne entgegen.

Andere Teilnehmer machen ihrem Deutschssein alle Ehre mit dem flotten Spruch „Bier läuft in unseren Adern.“ Darüber kann ich lachen. Worüber ich nicht lachen kann, ist der Moment, als eine Flasche Aqua fiente, zu deutsch Feuerwasser, die Runde macht, ein hochprozentiges Nebenprodukt der Rumherstellung. Durch Riechen sollen wir uns eine Vorstellung von seiner Hochprozentigkeit machen. Ein Kerl in Trekkingsandalen, der nach jedem Satz obrigkeitshörig „mhh!“ sagt, kommentiert mein Schnüffeln an der Flasche mit den Worten: „Das kennt die Jugend von ihren Flatrateparties.“ Gut, dass gleich darauf die Rede vom Angel dust die Rede ist, dem verdampften, den Engeln vorbehaltenen Alkohol – sonst hätte ich ihm was gehustet, von wegen Flatrate. Für die Heiligen, Los Santos, sind hingegen die ersten Schlücke jeder neu geöffneten Rumflasche bestimmt. Je älter der Inhalt, desto mehr gleichen sie Schlückchen.

FullSizeRender-3

Mehr Schlückchen als Schluck.

Von wegen Los Santos! Kein einziger von mir beobachtete Kubaner hat den ersten Schluck irgendwo anders hingekippt als in sein Glas. Und beobachtet habe ich viele! Besonders in Havanna ist Rum einfacher und meist billiger zu haben als Wasser. Kommen hier drei oder mehr zusammen, steht garantiert eine Flasche Rum auf dem Tisch. Während meiner fünf Tage in Havanna habe ich trotzdem keinen, ich wiederhole, keinen betrunkenen Einheimischen gesehen. Im Gegenteil, diese Einheimischen tanzen auch Sonntagnacht noch schrittsicher Salsa. Eigentlich habe ich überhaupt keinen Betrunkenen gesehen. Ja, eigentlich eigentlich waren die einzigen Betrunkenen in drei Wochen Kuba die All-Inclusive-Hotelgäste, die sich morgens vorsorglich an der Bar ihren mitgebrachten Literbecher mit Rotwein oder Cuba Libre (mit verzerrtem Cola-Rum-Verhältnis) auffüllen lassen.

Die Daheimgebliebenen interessiert all das wenig. Die wollen nur wissen, wie viele Liter Rum zollfrei nach Deutschland eingeführt werden dürfen. eins, zwei oder drei? Für den Mitbringenden stellt sich die Frage, ob es sich lohnt, die Urlaubsgarderobe drastisch zu reduzieren, damit Platz bleibt im Koffer. Wohlan: Die Angaben der legal einzuführenden Menge variieren. Fidel Castros Dolmetscher warnt, es seien nur zwei Liter erlaubt, der Verkäufer im staatlichen Shop behauptet drei, der Reiseführer im All-Inclusive-Hotel ein Liter – letzterer weiß aber auch nicht, wie man mit dem Bus in die Provinzhauptstadt kommt. Bis die Frage abschließend geklärt ist, kaufe ich sicherheitshalber 3,1 Liter und nehme mir fest vor, nichts davon durch den Zoll zu schmuggeln. Für Zigarren reicht das Geld nicht mehr.

FullSizeRender-1

Kein Geld mehr übrig für Zigarren.

Schreibe eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.