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Die mörderische Frage, welcher Artikel zu benutzen ist

Je exquisiter der Ort, desto raffinierter seine gesellschaftlichen Codes. Anders als in sogenannten Szeneclubs selektieren Restaurants ihre Gäste nicht an der Tür. Umso mehr kommt es drinnen auf die feinen Nuancen an. Ganz besonders in Berlin, wo alle gleich sind, aber manche gleicher. Nirgends wird das ersichtlicher als im Grill Royal. Die erste Tücke lauert in der korrekten Verwendung des Artikels. Es heißt nicht „das Grill“ (oder hab nur ich die Gewohnheit, Restaurants als Neutrum zu sehen?), sondern „der Grill.“

Für den/die/das Grill gilt der simple Claim: in ist, wer drin ist. Aber Vorsicht, manche sind drinner als andere. Es gibt die guten Plätze und die besseren (wo die sind, weiß ich nicht, ein klares Zeichen für mein Draußen-Sein). Zu den Stammgästen zählt Moritz von Uslar, der gewiss untertreibt, wenn er behauptet, den Namen der Klofrau nicht zu kennen. Ich staunte sozusagen Bauklötze, als ich bei meinem ersten Besuch im Grill die Goldplakette mit seinem Namen auf dem Bartresen entdeckte. Noch mehr staunte ich über die sich kurz daran anschließende filmreife Szene: Moritz von Uslar himself durchschritt den Raum, steuerte auf einen ausschließlich von Herren besetzten Tisch zu, der ihn johlend, jubelnd begrüßte. Es war Vatertag.

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Vorsatz für’s neue Jahr: eine Plakette auf dem Tresen der Stammbar platzieren.

Nachdem ich schon mal kurz über die Unterschiede zwischen München und Berlin nachdachte, hatte ich hier erneut das befremdliche Gefühl, in der falschen Stadt gelandet zu sein. Am Wetter kann es nicht gelegen haben, das war Juni-untypisch regengrau. Schon eher am Publikum. Nicht alle waren schön, aber sicherlich reich. Viele Damen ignorierten tapfer den Mitte-Dresscode aus Nike Airs und Oversize-Oberbekleidung, um stattdessen ihre Kaufkraft durch irre hohe Stilettos zu demonstrieren, die sie tragen können, weil sie nicht weiter laufen müssen als bis zum nächsten Taxistand. An ihrer Seite hingen/saßen/schmachteten Einstecktuchträger und Pomanadetraditionalisten. Sehr stilvoll alles. Wirklich scheußlich hingegen war das Interieur, ein Eklektizismus, dessen Bestandteile weder im Ensemble noch solo funktionierten. Den Weg zur Toilette säumten ein Holzboot am Boden und ein Ohr an der Wand, was ich nicht mal als ironisches Zitat gutheißen kann. Beides passte zu meinem Eindruck, im Filmset des 90er Jahre Klassikers „Rossini oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief“ gelandet zu sein.

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Im Imperativ!

Während Rossini seinen Gästen klassische italienische Speisen servierte (natürlich keine Pizza), legte sich der/die/das Grill nicht ganz fest. Auf der saisonalen Karte etwa stand Burrata aus Brandenburg mit Ochsenherztomaten, die ich natürlich probieren musste und siehe da: sie schlug ihr Pendant in der Bullerei um Längen. Zusammen mit dem halben Kilogramm Scampis, wunderbar mariniert mit frischem Rosmarin und bestem Olivenöl hätte man sich daran satt essen können und wäre schon glücklich gewesen wie eine nudeldicke Deern.

Als Hauptgang legten sie mir einen ganzen Fisch auf den Teller, eine „Dorade à la plancha“, deren Filetieren dankenswerterweise der Service übernahm. Dazu gab es Vichy-Karotten, für die ich mich leider noch nie begeistern konnte, weil sie mich zu sehr an verkochte Gemüseeintöpfe aus der Schulkantine erinnern und einen passablen Wildkräutersalat. Leider klammerte die Dessertkarte teigige Elemente aus, weswegen ich mich ausnahmsweise für die „Mousse au chocolat von Guayana Schokolade“ entschied. Der begleitende Dessertwein, eine Trockenbeerenauslese, trug den zauberhaften Namen „Sommeracher Katzenkopf.“

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Burrata at it’s best.

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Dorade à la plancha.

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Was vom Fische übrig blieb.

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Mousse au chocolat von Guayana Schokolade.

Wer Bescheid weiß, kommt wegen der Steaks hierher. So hingen denn auch an der Rückwand grobe Stücke totes Tier hinter Glas, ein Dekoelement, das sich in seiner roughness immerhin von der Beliebigkeit des übrigen Klimmbimms absetzte.

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Naschen vom Nebenteller: Surf ’n Turf.

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Grobe Stücke totes Tier als Dekoelement – weil man’s kann.

Wer Bescheid weiß über die Berliner Gastroszene im Allgemeinen und Steaks im Besonderen, kommt aber wahrscheinlich eher nicht hierher. Für die selbstbewusst kalkulierten Preise bekommt man anderswo mitunter bessere, sicher spannendere Küche geboten. Aber darum geht es ja gar nicht im Grill. Ja mei, jede Stadt braucht halt ihren Edelitaliener oder das, was sie dafür hält.

Ich war ja noch nicht mal im Borchardt. Aber immerhin weiß ich, wo da die guten Plätze sind: in der Mitte.


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