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Ein Essen? Ein Ereignis

Ein Freitag Abend in Shibuya. Überall sieht man zum „V“ geformte Hände, denn sobald eine Kamera in der Nähe ist, machen Japaner das Victory-Zeichen: Naturgesetz. Aus allen Richtungen tönt es 可愛い, kawaii, zu deutsch „süß“. Kawaii ist die Lieblingsvokabel der japanischen Frau, ganz gleich welchen Alters: Klischee, aber wahr. Auch sonst ist Shibuya genau so, wie man sich Tokios wildestes Ausgehviertel vorstellt. Es gibt unzählige Automaten, aber keinen für gebrauchte Schulmädchenschlüpfer (wie ich irgendwann irgendwo mal gelesen habe) und auch keinen mit jener magischen Anti-Kater-Suppe, von der Munchies berichtet. Was es gibt, sind Fotoautomaten, die aus den Porträtierten Katzen und Mangafiguren machen, Männer mit einem applizierten goldenen Wasserhahn auf dem Slip, als „Mignons“ verkleidete Mädchengangs, lebende Hokkaidokürbisse, Mensch gewordene Happy Meals. Dass an diesem Abend Halloween ist, tut wenig zur Sache. In Shibuya dauert der Kostümball 365 Tage.

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Dabei liegt das eigentliche Ereignis bereits hinter uns: ein Abendessen im Yakichi. Es hätte auch eines der anderen knapp 3000 Restaurants sein können, die sich auf einer Fläche von 800 Metern sammeln. Woher ich diese Zahl nehme? Von einer seriösen Website. Wie das geht? Indem man auf jeder Etage jedes Hochhauses mehrere davon verteilt. Mir persönlich bereiten ja schon 30 Stück furchtbare Entscheidungsschwierigkeiten, da ist die hundertfache Menge so absurd, dass es schon wieder egal ist.

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Dank meiner in Japan sesshaft gewordenen Freundin hatten wir eines der Separées reserviert, ein Konzept, dem ich viel abgewinnen kann, schon weil dann niemand beim Essen-Fotografieren zuschaut (was in Japan sowieso alle machen). Dank ihrer Sprachkenntnisse konnten wir die Speisekarte lesen und wussten, dass der Service nur kommt, wenn man den Buzzer drückt. Unnötig zu erwähnen, dass dieser Service so perfekt war, wie überall in Japan, aufmerksam, dezent, ohne Aussicht auf Trinkgeld – das gibt es nicht.

In einem Anfall von Größenwahn bestellten wir praktisch die halbe Karte. Wir tranken Sake, Wein, Bier und eine Oolong-Whisky-Variation. Wir aßen süße Babyshrimps, Krebspaste, nur mit Meersalz und Frühlingszwiebeln verfeinerten Seidentofu, Reisporridge mit Fischsuppe, Tempura (frittiertes Gemüse), Tsukemono (eingelegtes Gemüse), Reis mit Umeboshi (sauer eingelegten Pflaumen), frisch ausgewählten und anschließend gedämpften Fisch. Nie gab es mehr Gründe, den Tisch aus allen erdenklichen Perspektiven zu fotografieren.

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Für ein Dessert reichte es nicht, denn uns blieben nur zweieinhalb Stunden Zeit, bis unser Tisch an die nächste Gesellschaft hungriger Japaner vergeben wurde. Als wir um Punkt 21.30 Uhr Ortszeit die Essstäbchen fallen ließen, waren wir so satt, dass schon die Vorstellung von als Happy Meal verkleideter Mädchen Übelkeit verursachte. Meine Freundin ist das gewohnt. Für Japaner, sagte sie, entspreche die Menge unseres Abendessens in etwa einer Vorspeise.


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