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„Endlich Wochenende“, sprach der Showkoch und zückte das Tranchiermesser

Irgendwo mal gelesen, für immer hängen geblieben: Entgegen der Annahme, im Haushalt herrsche Gleichberechtigung, sind mehrheitlich noch immer die Frauen fürs Kochen zuständig. Beziehungsweise für das Kochen im Alltag. Ein Mann, der Freitag abends die Krawatte gegen  die Manufactum-Schürze tauscht? Die Messer zum Klingen und den Dampfkochtopf zum Pfeifen bringt? Dieser Mann muss ein Showkoch sein.

Wo ist der Showkoch anzutreffen? Zum Beispiel im Schleswig-Holsteinischen Ferienhaus. Drei Damen werden mit fadenscheinigen Versprechen zur mit sechs Gasherdplatten, zwei 100 Liter-Kühlschränken und einem gusseisernen Backofen ausgestatteten Kücheninsel gelockt. Es werden Einblicke in urgeheime Küchengeheimnisse in Aussicht gestellt, von einem älteren, ausgesprochen charismatischen Herrn, der am frühen Mittag anreist, um das abendliche Essen vorzubereiten. Tatsächlich werden die drei Küchenfeen zum Schnippeln verdonnert, während der Küchengott den Kochwein auf Trinkbarkeit prüft und seine halbautomatische Kartoffel-in-Schnitze-Schneid-Maschine in Gang setzt. All das wird, das ist kein Scherz, auf Video dokumentiert.

Eine Ausnahmesituation, keine Frage. Aber auch wenn keine Videokamera in der Nähe ist, gilt: eine Show ohne Zuschauer ist verlorene Liebesmüh, weswegen der Showkoch in regelmäßigen Abständen seine kinderlosen Freunde einlädt, kinderlos deswegen, weil sich Kinder anders als ihre Eltern nicht von stundenlang gegartem Kalbsfond beeindrucken lassen.

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Obacht, Kinder!

Wie geht der Showkoch eine solche Einladung an? Schon vor Ankunft der Gäste stapeln sich die erlesenen Zutaten auf der von allem Profanen befreiten Arbeitsplatte. Während des Kochens, also schon nachmittags, das ist sehr wichtig, trinkt der Showkoch viel Wein, ohne den Anschein zu erwecken, es handle sich um den Kochwein, der aufgebraucht werden muss.

Beschwingt geht so der Nachmittag in den frühen Abend über. Die Gäste trudeln ein, staunen, wie es bereits duftet, woraufhin der Showkoch mit süffisantem Unterton auf die vielen Stunden verweist, die er bereits in der Küche verbracht hat, freiwillig und außer sich vor Freude. Während die Dame des Hauses den Aperitif serviert und für angenehme Konversation sorgt, wechselt der Showkoch in den Aktivmodus. Für sein Publikum hat er sich die besonders imposanten Handgriffe aufgehoben: Das Flambieren („Verzichten Sie aus Sicherheitsgründen darauf, wenn Kinder anwesend sind“), den Bunsenbrenner für die Crème Brûlée, das Filettieren des Loup de Mers, das Tranchieren des Gänsebratens, das Öffnen der Austern. Dies ausschließlich mithilfe des aus Frankreich importierten Austernmessers (nur 6,99 Euro, aber schwer zu kriegen).

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Die hohe Kunst des Tranchierens.

Auch die anderen vom Showkoch verwendeten Küchengeräte müssen höchsten Ansprüchen genügen: die japanischen Messer (unbezahlbar) etwa oder der Fermentierer für die heimische Sauerkrautproduktion. Wer besonders hoch hinaus will in den Gastronomenhimmel, spart auf einen „Salamander“. Solcherlei gadgets befriedigen ein bübisches Hantier- und zugleich ein testostreron-gesteuertes Wer-hat-den-Größten-Bedürfnis.

Nachdem die Gäste Platz genommen haben, entledigt sich der Showkoch hörbar schwitzend besagter Manufactum-Schürze (79,99 Euro). Zwischen amuse gueule und Vorspeise geht er erst einmal eine Zigarette rauchen (im von mir erlebten Fall einen Joint), das hat er sich verdient. Während seiner Abwesenheit räumt jemand die ersten Teller ab; wahrscheinlich ist es seine Frau mit Hilfe des weiblichen Anteils unter den Gästen, der sich anschließend noch ein wenig in der Küche verquatscht.

Spätestens nach dem Zwischengang übt sich der Showkoch in milder Selbstkritik und Bescheidenheit, aber wirklich nur milde, weil er insgeheim ja um die Gelungenheit seines Essens weiß. Wenigstens teilweise ist dies dem Umstand geschuldet, dass sich die Ausgaben für die verwendeten Zutaten  im mittleren dreistelligen Bereich bewegen. Auch bei den edlen Tropfen wurden keine Kosten gescheut. Aufs herrlichste korrespondieren sie mit den einzelnen Gängen, dem wochentags ausgeschenkten leichten Roten natürlich haushoch überlegen. Wie überlegen beweist der Weinkühlschrank, eine Investition, für deren Gegenwert die liebende Mutter ihre Familie ein halbes Jahr lang versorgen hätte können.

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Wie das duftet!

Spätestens am Ende des Abends, eher früher, wird diese von allen anwesenden Gästen beneidet. Die Männer: „Wie gut Dein Liebster mit dem Filetmesser umgehen kann!“ Die Frauen: „Ein Mann, der so toll kocht! Da kannst Du ja mal die Beine hochlegen!“ Ja, kann sie, allerdings nicht von Montag früh bis Freitagnachmittag.

Der Showkoch ist natürlich aufs Engste verwandt mit dem „Gastrosexuellen Mann“, einer Erfindung des Journalisten Carsten Otte. Als Kurzdefinition eignet sich dieser lustige Halbsatz aus seinem gleichnamigen Buch: Ein Gastrosexueller ist einer, dem „noch nie beim Sex Tränen in die Augen traten, beim Essen schon.“ Nach reichlicher Überlegung komme ich zu dem Schluss, dass nicht jeder jeder Gastrosexuelle ein Showkoch ist – manch einer werkelt im stillen Kämmerlein, mit der Küche als Analogie zur Eisenbahn im Hobbykeller – aber jeder Showkoch ein Gastrosexueller.

Das alles ist natürlich total schablonenhaft gedacht. Eingefallen ist es mir beim Durchblättern von „Endlich Wochenende – Die köstlichsten Rezepte für die schönsten Tage der Woche.“ Eigentlich wollte ich ein paar der Rezepte nachkochen, aber alles war so wahnsinnig kompliziert, mit so vielen umständlich zu beschaffenden Zutaten und alles so denkbar weit weg von einer Mahlzeit, die nicht das ganze Wochenende einnimmt, dass ich es beinahe ganz gelassen habe. Immerhin reichte mein gastrosexuelles Talent zum Hummus mit Hackfleisch und Pinienkernen ohne Hackfleisch und dem Feigen-Walnuss-Kuchen.

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Theorie…

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… und Praxis.

Es ist ein schönes Buch, keine Frage. Je weiter ich blätterte, desto klarer wurde meine Vermutung, klar wie Hechtklosbrühe: Neill Perry ist der Inbegriff des Showkochs. Mit dem gut gefüllten Rotweinglas hantiert er so formvollendet am Herd, dass immer ein gutes Foto entsteht. Seiner Zutatenliste sind nach oben hin keine Grenzen gesetzt, auch nicht, was Exotik betrifft, schließlich ist er wie Carsten Otte Stammkunde bei Otto Gourmet und anderen einschlägigen Versandhandeln. Kinder bereichern die heimelige Atmosphäre, haben aber wie die Frau nichts in der Küche verloren.

Außer, sie übernehmen wie die Ferienhaus-Küchenfeen in niedlichen Schürzen das Zwiebeln-Schneiden. Am Ende des Tages gab es eine stundelang auf Niedrigtemperatur geköchelte Kartoffelsuppe, Züricher Geschnetzeltes mit Rösti und Salat und zum Nachtisch Rote Grütze. Es schmeckte sehr gut. Der Showkoch hat nicht mitgegessen.


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