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Friede den Eispalästen

Von der Innerern Stadt bis Favoriten sind es fünfzehn Minuten. Es ist eine Reise vom einen Ende der Einkommensgrenze zur anderen. Wiens zehnter Bezirk ist von der Gentrifizierung so weit entfernt wie Back Company von der Filterkaffeewelle. In Favoriten ist nichts im Kommen. Der Reumannplatz, das abstrakt-hässliche Herzstück des Bezirks, erinnert einen daran, dass Wien nicht bloß aus schmucken Fassaden besteht, sondern wie alle anderen Städte auch aus Fußgängerzonen mit Teflonpfannen-Vorführstanderl und smartphoneplärrenden Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Umso erstaunlicher, dass ausgerechnet dort Wiens erster Eispalast thront. Tichy ist sozusagen ein soziologischer Schmelztiegel, wie ihn sich kein Stadtplaner besser hätte ausdenken können.

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Folge dem rot-weiß-gestreiften Bähnchen.

Dabei sind gentrifizierte Umgebungen normalerweise ein sicheres Indiz für die besten Eisanlaufstellen. Zwischen Hipstersecondhandläden und Flohmarktcafés fühlen sie sich am wohlsten. Auch in Wien tummeln sich die meisten Anwärter auf den Titel „beste Eisdiele“ in Zentrumsnähe. Eis Greissler zum Beispiel, eine Bioeiskette mit Graumohn- und Kürbiskerneis, die Tuchlauben oder gar Zanoni & Zanoni (des Mohneis wegen). Würde nicht ab und an ein Bus mit einer weiß-rot-blauen Reklame vorbeifahren, bliebe der Reumanplatz ein weißer Fleck auf der kulinarischen Landkarte.

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Habe die Ehre!

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1967, ein denkwürdiges Jahr für alle Eisliebhaber.

Der rot-weiß-gestreiften Baldachin zerstreut alle Zweifel. Durch ein Portal aus Buntglas gelangt man in einen Raum mit Kronleuchtern und filigranem Sitzmobiliar. Links erstreckt sich die Theke mit den abgepackten Spezialitäten. Verkaufsschlager Nummer Eins sind die Eismarillenknödel, die auch im Feinkostgeschäft Meinl am Graben zu erwerben sind. Ihr Erfinder, der Master of Eismarillenknödel sozusagen, lächelt gutmütig von der Wand herab.

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Master of Marillenknödel.

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Eismagie, wohin man schaut.

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Mit ihm Bild: die Tichy-Uniform.

Tichy ist ein Eissalon, kein To-Go-Betrieb, hier setzt man sich gefälligst hin. Der Straßenverkauf verbietet sich schon, weil die Waffeln Schrott sind, leider. WLAN gibt es nicht, dafür hat Tichy jeden Tag bis 23 Uhr geöffnet, eine kleine Sensation in einer Stadt, wo um 19 Uhr alle Supermärkte dicht machen. Auch toll: Zu jeder Eisbestellung kommt ein großes Glas Leitungswasser. Was übrig bleibt, gießen die Servierdamen mit ausladendem Schwung in die Blumenkübel.

Servierdamen? Eine oberflächliche Recherche ergibt, dass bei Tichy keine Männer arbeiten, jedenfalls nicht im Service. Kein Wunder, denn was wäre die männliche Entsprechung der rot-weiß-gestreiften, leicht ausgewaschenen Kleidchen und den Servierschürzchen, die alle hier tragen?

„Wiss ma schon, gell“, befindet dieses beschürzte Wesen in Richtung Nebentisch und kommentiert dessen Bestellung – ein Joghurtbecher – mit „so einfach!“ In der Tat eine einfache Wahl, locken doch so exotische Angebote wie „Kalte Seide“, „Pokal 90“, „Weißweineis“ oder „Kürbisfest.“ Letzteres ist eine Kreation aus Vanilleeis, Kürbiskernöl und Kürbiskernen. Dass sich Vanille und Kürbiskernaromen prächtig ergänzen, weiß man sogar in Berlin.

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Gewiss lohnt es sich, die ganze Karte durchzutesten. Wer nur zu Besuch in Wien ist, halte sich an die Klassiker. In der Textur ähnelt der Eismarillenknödel jener von Crème Fraîche. Unter das dominante Vanillearoma mischt sich eine leicht alkoholische Note, es könnte Rum sein. Außen ist der Knödel mit gerösteten Haselnüssen überzogen, im Inneren wartet der halbflüssige Marillenkern. Und das Beste: Er ist in jedem Schmelzstadium eine Offenbarung (es soll ja Leute geben, die für ihr Eis ein wenig länger brauchen). Auch im Maronibecher sucht man klassische Eiscreme vergeblich (Tichy wirbt mit dem Slogan: „Weil Eis nicht Eis ist“), stattdessen kommt gefrorene Sahne und jene Maronicrème, die ich mir immer aus Frankreich mitbringen lasse. Im Prinzip ist es, als löffelte man eine halbe Dose davon in Flüssigform. Gekrönt ist das Ganze von perfekt aromatischem Schlagobers (zu Deutsch: Sahne) und Pistaziensplittern. Oida.

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Die Maronicrème, die ein Eis sein möchte.

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Der Knödel, der kein Eis zu sein braucht.

Während der Gast da so sitzt und andächtig das beste Eis Wiens, ja das vielleicht beste Eis der Welt verzehrt, spielt sich vor seinen Augen ein herrliches Sozialtheater ab. Angehörige aller Schichten tunken die Waffeln (30 Cent pro Stück, woher wissen die Servierdamen wie viele man verzehrt hat?) in Eisseen, in Sahneberge, in Streuselkrater. Die stilettobewehrte Bankangestellte ebenso wie die leicht überforderte minderjährige Mutter aus prekären Verhältnissen, der dreifache Familienvater im Karohemd Seit an Seit mit der Krochagang. Alle sehen zufrieden aus. Gentrifizierung ist ganz weit weg. Krieg in den Vorstädten. Friede im Eispalast.


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3 Kommentare

  1. Pingback: Knödeldicke Deern | Küchenperlen

  2. Ende Juni bin ich wieder in meiner Lieblingsstadt.
    Werde sicherlich mal in Favoriten herumstromern — und dort ein Eis essen.

  3. Pingback: So schmeckt Havanna | Küchenperlen

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