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Hackepter, Rollatoren, Mixed Pickles mit Gesicht: Die Grüne Woche gehört zu Deutschland

Es gibt Texte, die schreiben sich von allein. Schon die vorangegangenen Strapazen ließen erahnen, dass die Internationale Grüne Woche speziell werden würde. Wie speziell, hätte ich mir allerdings nicht träumen lassen. Als ich mich, meiner journalistischen Identität beraubt, hinsichtlich der Presseakkreditierung geschlagen gebe und ein Besucherticket lösen will, bemerke ich den unverhältnismäßigen Andrang im Vergleich zu einer Viertelstunde zuvor. Schuld ist die „Happy Hour“: Ab 14 Uhr werden die Grüne Woche-Tickets zum Schleuderpreis von 9 Euro (vormals 13 Euro) rausgehauen. Da fällt es meiner Begleitung und mir wie Schuppen von den Augen: heute ist der letzte Tag der Messe, da ist Abrissstimmung vorporgrammiert. Links, rechts, vor uns, hinter uns sind die mit Gehstöcken und Käppi bewaffneten Renter bereits in Stellung gegangen. Die Rollatorendichte ist hoch. Wir senken den Altersdurchschnitt um gut dreißig Jahre. Ellbogen werden ausgefahren, dritte Zähne gebleckt. Es hlift ja alles nichts: hinein ins Getümmel.

Schon die erste Station setzt die Messlatte für kommende Absurditäten hoch. In der Thüringer Halle musiziert der „Bergmusikkorps Frisches Glück.“ Zwischen den Stücken stellt dessen Dirigent sein Entertainment-Potential unter Beweis: „Beifall ist das Brot des Künstlers. Verhungern werd‘ ich hier nicht!“ Die umliegenden Stände werfen die Frage auf, nach welchen Kriterien eine Messeteilnahme bewilligt wird. Vielleicht gibt es keine. So kommt jeder Kleinstbetrieb zu seinen fünfzehn Minuten fame: das Eiscafé Schilling Barleben aus Elbe-Börde-Heide ebenso wie die Alte Kurhausbrennerei Hans Hertlein GmbH & Co. KG. Am Stand mit den Salzwedeler Baumkuchen bestätigt sich meine Vermutung, dass die Welt auch ohne Baumkuchen ein angenehmer Ort wäre. Ein paar Meter weiter gibt es „Kathis frische Waffeln mit Schlagschaum“ auff die Hand und für Zuhause in der praktischen Vorratsbox für 10 statt 14,99 Euro („Jubiläumsangebot: 25 Jahre Kathi auf der Grünen Woche“). Dass man den Durchschnittsbesucher mit Schnäppchen locken kann, ahnten wir ja bereits an der Kasse. So verwundern auch die neonfarbenen Preisschilder auf der Trachtenmode in der Bayern-Halle nicht („Sonderpreis: 159 Euro statt 169 Euro“). In der Berlin-Halle („Berlin, ein Wunderland“) lässt KAISERS es sich nicht nehmen, sein Frischesortiment zu preisen (Ananas geschnitten im Becher 2 Euro).

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Auch ohne Baumkuchen ist die Welt ein angenehmer Ort.

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Jedem Betrieb seine fünfzehn Minuten fame.

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Jetzt gilt es zuzuschlagen!

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Wer rechnen kann, ist klar im Vorteil.

Eigentlich bin ich ja hergekommen für so eine Art Trendtext im Stil von: das sind die Trends der Grünen Woche. Von Trends allerdings keine Spur. Eher huldigt man dem Glanz vergangener BRD-Jahrzehnte oder dem, was manche dafür halten. Ein bisschen bin ich auch hergekommen, um mich durchzuschlemmen, so wie ich das von anderen Messen, etwa der ganz wunderbaren Eat & Style kenne. Aber weit gefehlt. Fast nichts ist umsonst und wenn doch, dann schmeckt es so furchtbar wie die Erdäpfelreinstriezel in Halle 3, deren edler Spender monoton den Satz wiederholt „Das ist ein Rezept von früher, wo der Hunger groß war und das Geld wenig.“

A propos Geld: Es war ein Fehler, die zwei Euro für einen Faltplan zu sparen. Keiner kennt sich aus, es bleibt dem Verlorenen nichts anderes übrig, als sich wie damals bei IKEA dem Sog hinzugeben, in der Hoffnung, irgendwann wieder heil hinausgespült zu werden.

Anders verhält es sich mit den schwächsten Gliedern am Ende der Nahrungskette, die in Halle 7 ihrem Ende entgegengrasen. Uckermärker „Jacky“ ahnt nicht, dass ihr das gleiche Schicksal droht wie ihrem Artgenossen, der in Sichtweite aufgespießt überm offenen Feuer kokelt. Verzehrt wird  dieser Artgenosse beilagenfrei mittles Plastikbesteck, vorausgesetzt man stört sich nicht am herüberwehenden Stallgeruch. Eigentlich der Traum jedes Ethikers: während man ein Tier verzehrt, sieht man es lebendig vor sich, eine Vergewisserung des vorweggenommenen Tötungsakts. Von solcherlei Überlegungen lässt sich „Jacky“ freilich nicht beeindrucken, so wenig wie das Rheinisch-Deutsche Kaltblut „Erich“ sich etwas auf seinen Stammbaum einbildet, obwohl sein Vater ein „Elysium von Brück“ war. Vis à vis wird Bulle Mallorca (das Doppel-L wird mitgesprochen) zum „Reservesieger“ gekürt, das scheint eine Art Trostpreis zu sein. Der Moderator dieses Wettbewerbs findet aufmunternde Worte, man habe es mit einem „Ausnahmebullen“ zu tun, „Glückwunsch dem jungen Zuchtbetrieb!“

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Vorher…

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… nachher.

In diesem Moment meldet sich meine Nase, ich leide an einer Tierhaarallergie. Passenderweise führt der Weg als nächstes in die „Allergiker- und Vegetarierhalle.“ Dass diese beiden grundverschiedenen Dinge in einen Topf geworden werden, sagt meiner Meinung nach schon alles. Hier ist die Stimmung so trostlos, wie man sich anno 1970 das Leben eines Vegetariers vorstellte. Birkenstockmief, Ersatzprodukte, die nach nichts schmecken, staubige Cracker, Verzicht in jeder Hinsicht. Auf Street Food Märkten ist Paletas der Renner, hier interessiert sich kein, pardon, Schwein dafür. Kein Wunder, müsste man den meisten Besuchern wahrscheinlich erst mal erklären, was es mit „vegan“ oder „glutenfrei“ auf sich hat. Überraschenderweise gibt es in der „Allergiker- und Vegetarierhalle“ einen Paleo-Stand, auch hier wird Pionierarbeit geleistet.

Weiter geht es mit der „Erlebniswelt Heimtiere“ in Halle 26. Über die Existenz des Berliner Katzenstammtisches dürften sich nicht nur jene Zeitgenossen freuen, die meine Facebook-Timeline mit #catcontent fluten. Hier besinnt man sich auf die Ursprünge des Street Foods („Butterstulle und 1 Becher Milch 1,50“) – und scheitert kläglich.

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#catcontent.

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Zum Andenken an die Anfänge des Street Foods.

Andernorts versucht man wenigstens, mit der Zeit zu gehen. Von der PR-Abteilung des Schwäbisch-Hällischen Qualitätsschweinefleischs stammt die rührende Idee eines „Schweine-Blogs“ („Wissenswertes und Unterhaltsames rund um das Hällische Schwein erfahren Sie in unserem Blog!“) und das „#Selfie Gewinnspiel“ („Posen Sie für ein Selfie mit Schwein auf unserem Stand bei der Internationalen Grünen Woche Berlin! Ihr Foto finden Sie dann auf facebook.com/haellisch. Das Foto mit den meisten ‚Gefällt mir‘-Angaben gewinnt.“). Das erinnert mich  daran, dass sich diese Veranstaltung mit dem Zusatz „international“ schmückt. International ist hier allerdings gar nichts. Am wenigsten die Messehallen selbst, die mich selten drastisch werden lässt: für eine angebliche Weltstadt eine Schande, außer man will Kunden mit musealem Charakter locken.

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Den Preis für die rührendste PR-Aktion geht an die Region Hohenlohe.

Viel eher drängt sich der Eindruck auf, dass mehrere Jahrzehnte critical whiteness spurlos an der Grünen Woche vorübergegangen sind. Folklore haftet nichts Anrüchiges an. In der Afrikanischen Halle wird der ganze Kontinent über den sprichwörtlichen einen Kamm geschert, inklusive sich unter der Last von Ethno-Klimmbimm biegenden Tischen. In der Asiahalle wird der Besucher angeregt, sich über den Unterschied zwischen Maggi- und normalen Nudeln Gedanken zu machen. Ganz kurz lebt hier die Erinnerung an die Thaiwiese im Preußenpark auf, freilich mit einem nicht in Worte zu fassenden Authentizitätsverlust.

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Ethno-Klimmbimm.

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Kurz lebt die Erinnerung an die Thaiwiese im Preußenpark auf.

Der ganz und gar nicht erwartbare Effekt des Überangebots an Essen: es vergeht einem der Appetit. Abgesehen von einer Tüte Kieferkleber-Fudge am Stand mit dem wehenden Union Jack, als Vorwegnahme des nächsten Zahnarztbesuchs, reizt mich nichts. Eine Ausnahme ist der sehr gastfreundliche Stand des burgenländischen Weinguts Zantho, mit seiner wunderbaren Auswahl an Zweigelt, Muskateller und Eiswein. Endlich mal normale Leute! Einer in der Runde erlaubt sich den Spaß, die grobe Physiognomie der Messebesucher mit den von Otto Dix Porträtierten zu vergleichen (ich bin es nicht). Man habe, so der sehr redselige Österreicher, gestern in der Cordobar zu viert vierzehn Flaschen Wein geleert und sei danach „sehr dicht“ gewesen. Ein Zustand, der die uns umgebende Misere erträglicher machen würde.

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Kieferkleber-Fudge, als Vorwegnahme des nächsten Zahnarztbesuchs.

Alkohol ist nämlich ein Riesenthema auf der Grünen Woche. Schon kurz nach 14 Uhr liegt eine flirrende Hektik in der Luft. In vier Stunden schließt die Messe, in spätestens zwei muss sich der Alkoholgehalt im Blut also auf ein vernünftiges Maß eingependelt haben. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass viele hier nur hergkommen sind, um sich schon vor 16 Uhr gepflegt einen reinzustellen. Sex on the Beach, Swimming Pool, Tequila Sunrise: Jeder Cocktail 4,50 Euro, da kriegt man richtig Lust, sich mal durchzuprobieren (#not). Selbst der routinierte Säufer kann noch was lernen: Wer hätte gedacht, dass es mehr als eine Sorte Berliner Luft gibt? Das ist jenes Getränk, dass man sich nachts beim Späti kauft, wenn gar nichts anderes mehr geht, man aber ganz schnell ganz betrunken werden will. Glücklich derjenige, dessen Geschmacksnerven schon frühzeitig abgestumpft sind. Selbiges gilt für die georgischen Weine, die zwanzig Euro pro Flasche kosten und zu dem Abscheulichsten gehören, das ich je getrunken habe.

Gerade weil es sich bei der Grünen Woche so offensichtlich um eine Massenveranstaltung handelt, muss dem Besucher ein Gefühl der individuellen Exklusivität vermittelt werden. VIP-Lounges finden sich an jeder Ecke, hier wird Rotwein in den Geschmacksrichtungen „trocken“ oder „süffig“ kredenzt, zu erschwinglichen 2,50 Euro das Glas. Andernorts Champagner und Austern. Unters Volk hat sich auch eine Truppe junger, verdächtig rotwangiger Männer gemischt, auf ihren T-Shirts steht „Grüne Woche – Mein liebster Freund der Zapfhahn.“ Ich falle vom Glauben ab.

Jedoch: Der Besucher, der sich mit spöttischem Blick seinen Weg durch die Massen bahnt, tut gut daran, sich zu erinnern, dass er hier nicht in Abgründe, sondern in den Spiegel der Gesellschaft blickt, nach dem Motto „Die Grüne Woche gehört zu Deutschland.“ Vor allem jener aus Berlin-Mitte kommende Besucher mit seiner vorgefertigten Meinung, was cool ist und was nicht, der sich in seiner Blase aus Matcha-Chai-Latte und veganem Lunch und nachhaltigem Street Food bewegende Besucher. Möglicherweise schlägt hier der Puls des Landes. Deutschland ist eben auch: Mettbrötchen, Reinheitsgebot, Backmischung, Hackepeter.

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Der Hackepeter gehört zu Deutschland.

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Gönn ich mir!

Und jetzt lösen wir endlich das Rätsel um das „Selfie-Gewinnspiel“ des Schwäbisch-Hällischen Qualitätsschweinefleischs: Der erste Preis ist ein riesengroßes Hällisches Plüschschwein. Als Trostpreis gibt es ein Fanpaket rund ums Hällische Schwein.


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2 Kommentare

  1. Pingback: MILCHMAEDCHENMONOLOG – Mit der Grünen Woche korrespondiert. Vom Glauben abgefallen

  2. Als noch-nie-Besucher aber schonmal-Standpersonal kann ich nur sagen: grandioser Text & so schön getroffen.

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