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Handgestrickte Marshmallows

Der moderne Großstadtbewohner ist ein Romantiker. Wenn er es schon mit den zwischenmenschlichen Beziehungen nicht hinbekommt (Tinder), will er wenigstens bei seiner Nahrungsaufnahme sicher gehen. Schon vor einigen Jahren rollte hierzulande die Manufactum-Welle. Für Angehörige meiner Generation klingt schon der Slogan „Es gibt sie noch, die guten Dinge“ wie ein Werbetexterwitz nach dem dritten Feierabendbier, aber ja, es gibt ihn noch, diesen auf Handgemachtes spezialisierten Einzelhandel-Onlineshop. Seien wir mal ehrlich: An die Stelle von Olivenholz-Wildschweinborstenhaarbürsten sind jetzt eben die Marshmallowstricker getreten.

Man muss sich Deutschland als einen Flickenteppich der kleinen Handwerksbetriebe vorstellen. Wahlweise handelt es sich um Familienunternehmen in dritter Generation oder um Start-Ups in den Händen höchstmotivierter Jungunternehmer. Wenn beide zusammenkommen, entsteht etwas wie Food Vibes. Das in Hamburg ansässige Unternehmen packt jeden Monat ein Paket im Wert von knapp dreißig Euro mit sechs bis acht „regionalen Delikatessen aus Deutschlands besten Feinkost-Manufakturen“.

Passend zum Frühling (der in Berlin keiner ist, aber lassen wir das) kommt die Mai-Box als eine Art Ready-to-go-Picknickkorb. Als Aperitif dient eine Flasche Havelwasser, ein Mischgetränk aus Biobirnensaft und Bioweißwein (Anmerkung der Redaktion: aus Platzgründen entfällt der Zusatz Bio- ab jetzt; wenn nicht ausdrücklich darauf hingewiesen wird, bitte dazu denken). In meiner Jugend hießen Mischgetränke Smirnoff Ice oder Grape und waren so sexy wie das Wort Zwiebellook. Heute führt jeder Späti mindestens drei Sorten Leichtalkoholika auf Fruchtbasis. Wer nicht nur in Notfällen Wein trinkt, will natürlich wissen, welche Sorte ins Havelwasser wandert: Müller-Thurgau.

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Havelwasser.

Während der Grill anheizt oder die Picknickdecke zur Zufriedenheit aller platziert wird, knabbert man an den Knusprigen Käsetalern von Crun Cheese. Diese bestehen zu hundert Prozent aus Gouda und werden in der Alten Käserei in Bergkamen hergestellt.

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Knusprige Käsetaler von Crun Cheese.

Für den Morgen danach (?) oder als Nachtisch, dann als Streuseltopping des Rhabarbercrumble, empfiehlt sich das Kokos-Knusperstreusel-Müsli von Buntwild. Dessen Produzentin Sandra Anna Christen ist Foodbloggerin und mir beim Naschmarkt in der Kreuzberger Markthalle Neun begegnet. Blogger, die sich irgendwann sagen, „das kann ich besser“ und von einer Kopf- auf eine Handarbeit umsteigen, sind mir sehr sympathisch. Chapeau, Frau Kollegin für eine geglückte Doppelrolle!

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Kokosmüsli von Buntwild.

Pesti sind längst nicht so kompliziert wie gemeinhin angenommen. Zum Selbermachen reichen ein gutes Olivenöl, Nüsse, Pfeffer, Salz und ein Mixstab. Statt Basilikum für das klassische Pesto Genovese oder Kürbiskernen und -Öl, versucht sich der Pesto Dealer Berlin an einer Version mit Thai-Koriander. Passt gut als Marinade für Fisch und Tofu oder Deluxe-Alternative zu Ketchup (grillt eigentlich noch jemand mit Ketchup?). Made with love in Charlottenburg.

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Thai-Koriander-Pesto von Pesto Dealer Berlin.

Des Weiteren findet sich im Paket eine Gurkenlimonade von Cucumis. Bisher assoziierte ich Gurke in Getränken ausschließlich mit Moscow Mule. Diese Version ist vegan, alkohol- und zuckerfrei (gesüßt mit Fructose) und wird „in einer der nachhaltigsten Abfüllanlagen produziert“, die sich meinem Verständnis nach in Hamburg befindet, und „mit hochwertigem Mineralwasser angereichert“.

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Gurkenlimonade von Cucumis.

Großes Spielpotential birgt der Kakao-Balsamico von Kakao Kontor. Ich kann ihn mir als Balsamicoersatz im Tomaten-Mozzarella-Salat vorstellen, zu Chilli con oder sin Carne (dem ein gewisser Sebastian stets ein Stück Zartbitterschokolade und einen halben Liter Guinness beigibt), über Eis, Erdbeeren, vielleicht sogar in Drinks. Kakao Kontor verkündet übrigens auf seiner Website, dass deren Geschäft in Hamburg während der Sommermonate zwei Stunden Mittagspause macht: „Schokolade will mit Weile genossen werden, wir nehmen einfach etwas das Tempo raus, slow chocolate quasi.“

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Kakao-Balsamico von Kakao Kontor.

All diese Produkte sind in irgendeiner Form handgefertigt. Daran braucht man sich erst mal nicht zu stören, weil es nichts zur Sache tut. Unter Umständen genügt es zu wissen, dass die Schokolade nicht von Siebenjährigen aus dem Berg geklopft wurde, um sie goutieren zu können, aber eine Produktion in Deutschland minus Transportkosten kann ja nicht schaden. Derart geballt, ist der Manufaktur-Overkill allerdings unvermeidlich. Zumal es manchmal wirklich abstrus wird.

Mein Lieblingsprodukt in der Food Vibes-Maibox, und das meine ich leider total ironisch, sind die Pink Rasberry Chocolate Chunk Marshmallows von Hello Mellow. Aus Gründen des persönlichen Geschmacks mag ich keine Marshmallows. Zugegeben bringen sie beim Grillen oft einen erfrischenden Schwung in die Runde, wenn wieder einmal keiner an das Stockbrot gedacht hat. Somit sind die Marshmallows ein gummiartiges Stück Nostalgie der sich ans Ferienlager erinnernden Grillgemeinde.

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Marshmallow von Hello Mellow.

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Gourmet!

Früher kaufte man sie in nicht-nachhaltigen 500-Gramm-Plastikbeuteln, sie waren weiß und ungesund. Heute kann deren „guter Geschmack all unsere Sinne berühren und großes Vergnügen bereiten.“ Es ist dann noch von einem „einzigartigen Mundgefühl von leicht bis fruchtig faszinierend“ die Rede und natürlich von der Handarbeit in der kleinen Manufaktur mitten in Deutschland. Mein Vorschlag: Die guten Produkte gute Produkte sein lassen – denn es gibt sie noch, zum Beispiel in der Food Vibe-Box – und deren Herstellungsprozess verschweigen. Das wäre mal was. Das würde den modernen Großstadtromantiker mindestens so sehr durcheinanderbringen wie ein analoges Kennenlernen im Vergleich zu Tinder.

Danke an Gordian von Foodvibes für einige gute Argumente, demnächst den Picknickkorb zu packen.


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  1. Pingback: Die zukünftige Arbeitslosigkeit der Pizzaboten | Küchenperlen

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