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„Ich kenne keinen“ – Ein paar Worte zum Marmeladenmann

In ihrer Kolumne „Wochenmarkt“ stellt Elisabeth Raether im Zeit Magazin jede Woche simple, für jedermann Erfolg versprechende Rezepte vor. Neulich kochte sie Marmelade. Eher beiläufig bemerkte sie, keinen Marmelade kochenden Mann zu kennen. Keinen. Eine Woche später berichtete sie an der selben Stelle von der überwältigenden Resonanz auf ihre Marmeladentheorie. Niemals habe sie so viel Leserfeedback bekommen, von empört über belustigt bis ausfallend. Eine kleine Auswahl:

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Mann kocht! Und spült!

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Manch einer sammelt sogar die Blaubeeren in schwedischen Wäldern selbst!

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Aufgepasst beim Wirsing!

Ich kann mir nicht helfen, aber für mich sagt das weniger aus über den Ist-Zustand des modernen Mannes als über den der modernen Frau. Permanent steht der moderne Mann nämlich unter Beobachtung von Frauen wie Frau Raether und Frauen wie mir. Man stelle sich vor: Innerhalb weniger Tage habe ich in Berlin-Mitte zwei Männer beobachtet, die völlig weggetreten in offene Baustellen gestarrt haben. Sie standen am Wegesrand, der eine hochfrequentierte Straße war, die Aktentasche unterm Arm, auf dem Weg vom Start-up-Job in die Zwei-Zimmer-Wohnung mit der Frau, die Schuld ist am schrumpfenden Geschirr, und träumten sich zurück in eine Zeit, als Mann-Sein noch untrennbar mit dem Anblick einer Betonmaschine und dem Geräusch eines Presslufthammers verbunden war… So jedenfalls dachte ich mir das von meinem Beobachterposten aus.

Armer moderner Mann! Nicht mal Marmelade einkochen darf er, ohne dass ihm ein Gender-Strick daraus gedreht wird. Dabei könnte er es halten wie Nigel Slater. Slater ist ein britischer Starkoch ohne Kochausbildung, der sein Leben voll und ganz dem Essen widmet, inklusive eigener Kochshow und zahlreicher Buchveröffentlichungen. Sein neuestes Werk Das Küchentagebuch wiegt ein gutes Pfund und hält nicht nur für jeden Tag des Jahres ein Rezept parat, sondern auch die passende Geschichte dazu. Ein Mann, der nicht nur kochen kann, sondern auch noch Fantasie hat, muss ein Traummann sein. Ein Marmeladen-Traummann.

Und pragmatisch ist er auch! Niemals würde er im Frühjahr Feigen zubereiten oder zu Weihnachten Spargel. Der Marmeladenmann nimmt dankbar an, was der Garten vor seiner Tür ihm gibt. Hat er es aus Zeitmangel nicht geschafft, die zwei Kilo Pflaumen rechtzeitig zu pflücken, um daraus Pflaumenkuchen zu backen, kocht er den Rest eben zu Kompott ein. Meistens jedoch hat er die Zeit. Der Marmeladenmann geht zwar noch anderen Tätigkeiten nach, sieht seine wahre Berufung aber im, nun ja, Marmelade kochen. Somit ist er dem gastrosexuellen Mann verwandt, dem wir uns als nächstes vom Beobachterposten unseres gemütlichen Sofas aus widmen werden.

Stichwort „Fantasie-Kochen auf dem gemütlichen Sofa“: Es stimmt, dass man Nigel Slaters Küchentagebuch von vorne bis hinten durchlesen kann, ohne auf die Idee zu kommen, etwas daraus nachzukochen. Wen es allerdings wie mich beim Lesen sozusagen in den Fingern juckt, der halte sich aus Gewissensgründen an Slaters Empfehlung, seine Gelüste der Saison anzupassen. Leider habe ich das ganze Jahr über Lust auf Feigen, weswegen ich Nigels Empfehlung ignoriert und total außerhalb der Feigensaison seine Tarte mit Schokolade und gerösteten Nüssen nachgebacken habe. Weil ich’s konnte.

Das Rezept umfasst bei recht kleiner Schrift gute eineinhalb Seiten. Dem Marmeladenmann ist Eile fremd. Viele der Arbeitsschritte machen mich ratlos. Gemeinhin führe ich keine Selbstgespräche beim Kochen, heute murmele ich „brosamenartige Krümel“ und „je weinger Sie mit der Schokolade anstellen, desto besser“ vor mich hin, mit einem Fragezeichen dahinter. Der Schocker kommt zum Schluss: „Zerkleinern Sie die Zuckernüsse in der Küchenmaschine – sie sollten in der Konsistenz von Sand bis Kieselsteinchen variieren.“ Ich habe keine Küchenmaschine, also überspringe ich das keck, ebenso wie ein paar andere, unnötige Abspühlarbeit verursachende Arbeitsschritte („Die Mischung auf ein leicht geöltes Backblech schütten.“). Dass der Marmeladenmann eine Spühlmaschine hat, versteht sich von selbst.

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Dass Nüsse schnell anbrennen, weiß der Marmeladenmann.

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Für ein schönes Stillleben ist der Marmeladenmann durchaus empfänglich.

Am Ende von vielen – teilweise fatalerweise – ausgelassenen Arbeitsschritten lautet die ernüchternde Erkenntnis: Die Tarte sieht nicht aus wie auf dem Foto. Zudem erinnert ihre Konsistenz an in der Sonne stehen gelassene Nutella. Großartig, aber nichts für den öffentlichen Verzehr. Eher der Kategorie „Bitte nicht beim Essen zuschauen“ zugehörig, also das genaue Gegenteil von #youdidnoteatthat: Oja, ich hab das gegessen und es hat unübersehbare Spuren hinterlassen.

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Anspruch…

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… und Wirklichkeit.

Macht nichts. Ich glaube, der Marmeladenmann ist kein Ästhet. Vielleicht ist er empfänglich für ein schönes Küchenstillleben mit Geschirrtuch und Walnusskernen; dogmatisch im Hinblick auf das fertige Werk ist er nicht. Außerdem mag der Marmeladenmann Frauen mit schokoverschmiertem Mund. Das ist natürlich eine total stereotype Aussage und schon wieder ein Seitenhieb auf das Ehrgefühl des modernen Mannes, dem somit Grobschlächtigkeit und mangelnder Sinn für Ästhetik unterstellt wird. Korrigiert mich, wenn ich falsch liege. Empörte, belustigte, ausfallende Leserpost bitte an eva@kuechenperlen.de.


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