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Italodisco

Wiens sympathischste italienische Großfamilie hat Nachwuchs bekommen. Bislang zählte zu dieser Familie der Supermari, ein Supermarkt mit italienischen Importen, das Dolce Mari und Mari (der? die? das?) selbst. Ausnahmsweise empfehle ich nachdrücklich, den Link zur Website zu öffnen, so gekonnt ruft sie diese Bella-Italia-Stimmung ins Bewusstsein, Rimini, Softeis, rot-weiß-gestreifte Markisen, schulterfreie Badeanzüge, ihr wisst, was ich meine. Was für eine entzückende Slideshow! Wäre Mari eine Person, dann eine mondäne Dame aus den 50ern, die ihre Famillie mit den Klassikern der Landesküche verwöhnt.

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Bei der Dame rechts handelt es sich wohl um Signora Mari. Via http://www.pizzamari.at/home.html

Der neuste Zuwachs der Mari-Familie heißt Disco Volante. Ein kleiner in den 70ern hängen gebliebener Bruder, der pastellfarbene Overalls trägt und gerne das Tanzbein schwingt. Seinen Namen verdankt er seinem Pizzaofen, der eine Discokugel ist. Eine Discokugel! Praktischerweise läuft ja auf unbestimmte Zeit mein Superlativprojekt „Pizza.“ Klar, dass mein erster Restaurantbesuch in Wien mich dorthin führte.

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Tanzende Pizzen?

Einrichtungstechnisch stimmt hier einfach alles: Durch die großzügige Fensterfront fällt der Blick auf die hippen Passanten auf der Gumpendorfer Straße (für Nicht-Einheimische: das Kreuzberg von Wien). Die unprätentiösen Holzstühle erinnern an eine dörfliche Grundschule, glücklicherweise viel bequemer. Erneut zeigt sich, dass nichts über einen kleinteilig gefließten Boden geht. Und dann natürlich die Discokugel, deren Lichtreflexe die Decke überziehen, it’s magic! Ein Teil unserer Freitagabendgesellschaft mokiert sich über die hellhörige Akustik, mich hingegen erinnert diese umso mehr an mediterrane Geschäftigkeit. Das permanente Pflichtgedudel an Orten, wo das Essen im Vordergrund steht, nervt gewaltig und ist doch so zur Normalität geworden, dass melodische Stille eine ganz neue Erfahrung ist. Überraschenderweise ist die Volante eine Disco ohne Musik.

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Lichtreflexe mal außerhalb des Clubs.

Die Karte ist angenehm überschaubar und bietet auch für Vegetarier eine ordentliche Auswahl. Für den Veganer unter uns wird auf einer käsefreien Pizza das gesamte Gemüseangebot aufgefahren. Die Fleischbeläge klingen so verlockend, dass ich kurz erwäge, den Vorsatz zu brechen (Oscar Wilde: „Ich kann allem widerstehen, außer der Versuchung.“), vor allem, weil Wert auf lokale Produktion gelegt wird. Der Rohschinken kommt aus dem Burgenland, die Wurst aus Niederösterreich. Bei der Salsciccia al finochietto wird sogar das Hofgut angegeben. Aber ich werde nicht schwach, was auch daran liegt, dass die „Ripieno“ ohne Prosciutto zu haben ist. Weil ich neugierig auf diese „zugeklappte Pizza gefüllt mit Ricotta Fior di latte“ bin (nicht zu verwechseln mit Calzone!), aber genauso große Lust auf Büffelmozzarella habe, teile ich „Ripieno“ und „Bufala“ mit meiner liebsten Freundin.

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Eine zugeklappte Pizza!

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Ordentlich große Mozzarellainseln.

Bei der „Bufala“ wird nicht am Büffelmozzarella gespart, der sich mit der angenehm öligen Tomatensauce mischt. Die nötige Frische kommt vom Basilikum. Und erst der Boden: Ein Fest für alle teigigen Pizzabodenfans! Selbst die gefährlich kross aussehenden Ränder der „Ripieno“ sind perfekt. Und erst die Füllung! Es soll ja Menschen geben, denen Ricotta zu fad ist, diese Pizza ist der Gegenbeweis. Ricotta in Kombination mit Blattspinat oder Scampi ist halbwegs geläufig, in dieser puren Form eher nicht. Aufgepeppt wird das Ganze höchstens mit einem beeindruckend aromatischen Olivenöl und dem Bio-Chilliöl von Herr Brenner trifft Frau Mari.

Ich persönlich übergehe nach 18 Uhr ja großzügig die nicht-alkoholischen Getränke auf der Karte. Dass einem dabei etwas entgeht, beweist unser Veganer am Tisch, der Tamarindenlimonade für alle bestellt. Tamarinde, ist das nicht das Gewürz in indischen Curries? In Limonadenform schmeckt das überraschend dezent oder fad, das ist Ansichtssache. Immerhin trägt das Getränk den schönen Namen „Disco Limo Tamarindo.“ Große Freude haben wir an den spiralförmigen Trinkhalmen, ähnlich den Nesquick-Gimmicks aus Kindertagen.

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Getränke, die Spaß machen.

Dann doch lieber einen Schnaps nach dem Essen. Leider gibt es keinen Frangelico (meine Liebe zum Nussaroma setzt sich in den Getränken fort) und auch keine anderen Spirituosen auf Nussbasis. Vielleicht sitze ich einem Trugschluss auf, wenn ich glaube, alle Österreicher tränken Haselnuss- oder Walnussgeist. Es wird dann ganz klassisch ein Grappa.

Zu fortgeschrittener Stunde, als besagter Grappa in Kombination mit dem Blaufränkischen zu wirken beginnt (tolles Preis-Leistungsverhältnis: 6,50 € für einen halben Liter), kommt uns die tollkühne Idee, mit dem Personal vor der Discokugel zu posieren. Sämtliche Mitarbeiter tragen nämlich hinreißende Overalls in Pastellfarben, eine Mischung aus Tankstellenboy und Rollergirl. Nach anfänglichem Zögern (ihr Aufzug wird ihnen doch nicht peinlich sein?), umarmt uns das halbe Team vor dem Pizzaofen.

Signora Mari kann stolz sein auf ihren kleinen Bruder. Von der Speisekarte her unterscheiden sich die beiden kaum, beim Rennen um die tollste Atmosphäre liegt der? die? das? Volante vorn. Kein Wunder bei diesem schnittigen Rennfahreroutfit. Italodisco at it’s best!


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