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Kürbis – Süßes oder Saures?

Aufgewachsen sind wir in dem Glauben, der Kürbis gehöre zum Herbst. Kinder höhlen ihn aus, um Kerzen in die Fratze zu stecken. Hausfrauen packen ein „Zier“-Präfix davor und dekorieren damit den Eingangsbereich. Teenies begründen so die dämliche Tradition von Halloween. Foodbloggerinnen backen Pumpkin-Peanutbutter-Cookies (glutenfrei). VICE hat wieder was zu meckern. Seit exakt zwei Jahren allerdings ist der Kürbis kein saisonales Gemüse mehr. Bei REWE gibt es jetzt immer Hokkaido. Was ist passiert? Hat die Kürbismafia ihre Hände im Spiel? Enthält der Kürbis ungeahnte Supernährstoffe, die den Menschen ganzjährig verabreicht werden sollen? Existieren in den dunkelsten Winkeln dieser Erde geheime Kürbisfarmen und wir wissen nichts davon?

Das Schöne daran: je öfter einem der Kürbis in seiner banalsten Form, der Suppe begegnet, desto größer der Ehrgeiz, etwas anderes daraus zu machen. Süßes oder Saures? Natürlich Süßes! Als erste Inspiration dient eine Kürbiskuchenminikuchenbackform (ein Wort wie Donaudampfschiffahrtsgesellschaftskapitän!). Damit dieses niedliche Utensil in meinen Besitz übergeht, schreibe ich ein paar Zeilen darüber.

Als nächstes wage ich mich an eine Kürbis-Kokos-Tarte nach einem Rezept von La Veganista backt. Dass ich mit der veganen Küche fremdele, ist kein Geheimnis, dass Kuchen ohne tierische Inhaltsstoffe oft besonders lecker sind dagegen kein Widerspruch. Und wirklich: Der Tarteboden ist nach einem Tag Ruhezeit noch ölig-crunchiger, die irre orangefarbene Kürbiscreme mit dem zurückhaltenden Vanillearoma ein Ereignis.

Und dann folgt mein Kürbis-Erweckungserlebnis bei Teves Lao Supperclub. Die gebürtige Laotin Teve lebte lange Zeit als Modedesignerin in New York, bis sie vor drei Jahren nach Berlin zog. Trotz der breiten Auswahl asiatischer Küche suchte sie die ihrer Heimat vergeblich. Teve gründete ihren eigenen Supper Club. Alle paar Wochen bekocht sie an einem anderen Ort der Stadt eine Handvoll Gäste nach Rezepten ihrer Mutter. Eine Art Traditionspflege, wie sie auch Kavita Meelus Supper Club Mother’s Mother betreibt, mit dem Unterschied, dass dort jedes Mal andere Köche ihre Landesküche vorstellen, während Teve Einzelkämpferin ist.

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German Gemütlichkeit.

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Das wunderbare Musiklabel Smallville.

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Hey Hip Hop-Boy!

An einem Samstag im goldenen Oktober (nie war er milder!) habe ich das Glück, dabei zu sein. Als Location dient das Café Kasuka in jenem Teil von Kreuzberg, wo man noch ehrlich Lust hat zu wohnen. Ein einziger Raum von winzigem Ausmaß bietet gerade so Platz für ein Dutzend Gäste. Entsprechend eng stehen die Tafeln beieinander, entsprechend heimelig gestaltet sich die Tischkonversation. Aufstehen heißt Ausweichmanöver. Die Hälfte der Anwesenden ist offenbar wegen Cee Cee hier, unter ihnen ein Pärchen aus Island, das Anekdoten über das Berliner Wetter zu berichten weiß.

Während der Magen auf den ersten Gang wartet, sieht das Auge sich an den vielen Details im Raum satt, die eine kuriose Form von german Gemütlichkeit wachrufen. An der Decke hängen Vogelhäuschen und Holzscheite, an den Wänden Fotos von Hip Hop-Boys und dieses Gedicht von Theodor Storm:

Ein Blatt aus sommerlichen Tagen

ich nahm es so im Wandern mit

auf dass es einst mir möge sagen,

wie laut die Nachtigall geschlagen

wie grün der Wald, den ich durchschritt

Als Aperitif gibt es Lychie Gimlet im Martini-Glas. Es folgt die Vorspeise, Reisnudelsalat mit eingelegtem Gemüse, gerösteten Erdnüssen und in Zitronengras mariniertem Schweinefilet. Von allen Gängen ist dies der unüberraschendste, zumal die Reisnudeln eher an Spaghetti erinnern. Die Erdnüsse hingegen heben wie immer zuverlässig meine Laune, ebenso die essbare Blüte und die Kapuzinerkresse aus Teves eigenem Garten, die einen zweistündigen Transportweg hinter sich haben. Mit derartig gesteigerter Laune kann nichts schiefgehen – wäre da nicht das Stäbchen-Problem. Mit-Stäbchen-Essen löst bei mir immer diesen „Bitte-nicht-kucken“-Moment aus. Bei Suppen kann man wenigstens das halbe Gesicht in die Schale hängen, so bleiben die Umsitzenden vom Anblick aus dem Mund fallender Tofuteile verschont. Nichts so beim Reosnudelsalat. Hier muss es heißen: Mund auf und durch! Praktischerweise sind alle um mich herum genauso mit ihrem Essen beschäftigt. Viele machen Fotos, niemand findet das komisch.

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Lychie Gimlet.

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Reisnudelsalat mit eingelegtem Gemüse, gerösteten Erdnüssen und in Zitronengras mariniertem Schweinefilet.

Dementsprechend groß ist meine Freude, als Teve uns auffordert, den folgenden Gang mit den Fingern zu essen. Mit den Fingern! Tilapia ist der Name dieser Spezialität, gedämpfter Fisch mit laotischen Gewürzen, asiatischen Pilzen und Miniauberginen, serviert im Bananenblatt. Teve zufolge gibt es nur einen Ort in Berlin, wo man das essen kann: die Thaiwiese im Preußenpark. So exotisch wie das Gericht sind die Reisboxen, in denen der Klebereis serviert wird. Ein Klebereis, der diese Bezeichnung wirklich verdient, lassen sich doch alle möglichen Dinge daraus formen. Im Idealfall ein Löffel, mit dessen Hilfe der Fisch zum Mund geführt wird. Menschen mit Sinn fürs Haptische kommen voll auf ihre Kosten.

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Klebereis, der diesen Namen verdient.

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Pack mich aus!

Und dann das Dessert: Gedämpfter Kürbis in Kokossauce. Eine Kombination, so simpel wie grandios und wie geschaffen für den Geschmacksthesaurus. Wer mag, bekommt eine zweite Portion. Meine Tischnachbarin und ich mögen.

Wenn sich jetzt zu Halloween die Frage stellt „Süßes oder Saures?“, streiche ich zärtlich über meinen REWE-Hokkaido, von dem ich weiß, dass er mich das ganze Jahr über begleiten wird, und murmele: „Süßes.“

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Kürbis, Runde eins.

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Kürbis, Runde zwei.


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