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Meine Mikrowelle und ich

Aus zweierlei Gründen kommt der Lieferservice Kukimi genau rechtzeitig. Erstens steigt im Advent die Päckchenfreude überproportional an. Wie schön, Anfang Dezember ein Paket voller Essen zu bekommen. Zweitens liegt meine Masterarbeit in ihren letzten Zügen. Prokrastinierer kennen das: plötzlich fallen einem ständig Dinge ein, die jetzt sofort gekocht werden wollen, natürlich solche mit umfangreicher Zutatenliste, was den Besuch mehrerer Supermärkte voraussetzt, alles nur, um der Schreibtischarbeit zu entgehen (vom selben Effekt berichten WGs, in denen es zu Prüfungszeiten besonders sauber ist, weil alle putzen wollen). Da trifft es sich gut, dass Kukimi mir fünf Tage lang die Beschäftigung mit meiner Nahrungsaufnahme abnimmt mit dem Versprechen, es werde eine gute Form der Nahrungsaufnahme sein. Stichwort: Superfood.

Bereits vor einigen Wochen habe ich einen Lieferservice ausprobiert. Einiges an Fresh Parsnip hat mich gestört, anderes muss ich im Nachhinein durch den Vergleich mit Kukimi relativieren.

Erster Tag mit Kukimi: Statt eines jung’schen Lieferboys wie bei Fresh Parsnip klingelt ein DHL-Mitarbeiter an meiner Tür. Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird in absehbarer Zeit nicht noch mal ein Paket mit solchen Ausmaßen auf meinem Küchentisch stehen. Alles kommt auf einen Schwung, hält sich also bei entsprechender Kühlung mindestens (?) fünf Tage. Es gibt keine festgelegte Menüfolge. Kukimi ist etwas für Individualisten, die selbst entscheiden wollen, was sie wann essen. Drei Tage nur Müsli, Brunnenkressesuppe zum Frühstück, Smoothie als Abendbrot? Alles ist möglich!

Einmal aufgeatmet: Kein Wiedersehen mit den Green Juices. Von denen kann ich mittlerweile ein Lied singen. Bei Kukimi gibt es statt derer klassische Smoothies in Portionsgrößen, die morgens als Beigabe zum Jumbobecher Kaffee zu bewältigen sind. Während Auf-sich-acht-Geber in Smoothies den Leibhaftigen am Werk sehen (zu viel Zucker! so viele Kalorien wie eine Cola!), waren mir diese Säftchen bisher hundert Mal lieber als etwas, das nur in Nuancen von Wiedergekäutem zu unterscheiden ist.

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Die sehr schöne Kukimi-Box.

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Ist denn heut schon Weihnachten?

Im Kukimi-Paket inbegriffen ist ein sogenanntes Telefoncoaching. Leider warte ich darauf trotz exakter Zeitangabe vergeblich. Schade, denn abgesehen von Ernährungstipps, die ich immer gerne entgegen nehme, habe ich auch wirklich eine Frage. Kann man die Hauptgerichte einfrieren? Am Kukimi-Prinzip offenbart sich nämlich eine gesellschaftliche Eigenart unserer Zeit. Wer kann schon sagen, was in den kommenden fünf Tagen passieren wird? Wie immer habe ich große Angst, etwas falsch zu machen. Angeblich entwickeln manche Lebensmittel – Spinat zum Beispiel – beim Einfrieren eine toxische Wirkung. Was gar nicht stimmt. Sagen andere. Was tun? Vom Telefoncoacher ist jedenfalls keine Hilfe zu erwarten.

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Kukimi ist etwas für Individualisten.

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Brunnenkressesuppe zum Frühsück? Alles ist möglich!

Der große Unterschied zwischen Kukimi und vergleichbaren Angeboten ist die Methodik. Die Kukimi-Hauptmahlzeiten kommen in Aroma-Plastiktaschen, jeder Bestandteil separat verpackt. Optisch ausbaufähig, besonders, wenn es sich um Lammnacken handelt, aber wenn es dem Geschmack förderlich ist, meinetwegen. Allerdings ist die Menge an Plastikmüll auch keine Kleinigkeit, wie meine Freundin C. empört bemerkt. Idealerweise werden die Gerichte mit dem Sous Vide-Verfahren erhitzt. Das heißt, man gibt sie für etwa zehn Minuten in siedendes Wasser, befreit sie aus ihrem Plastikgefängnis und hat eine schonend erhitzte Mahlzeit. Im Idealfall.

Statt eines zehnminütigen Wasserbads nennt die Packungsanleitung eine Zwei-Minuten-Zubereitung in der Mikrowelle als Alternative. Den Hinweis, vorher mit der Gabel hineinzustechen, nehme ich derart ernst, dass ich in der ersten Nacht von explodierenden Plastikbeuteln träume. Habe ich schon erwähnt, dass ich meine Mikrowelle liebe? Sie kann fast alles, sie kann sogar Kuchen backen (diesen hier). Kein Wunder sträube ich mich anfangs gegen die Sous Vide-Methode. Es braucht drei semi-begeisterte Mahlzeiten (und eine sehr gute, das Lamm) bis ich mich zum Wasserbad überwinden kann. Schimpft mich eine faule Nudel, aber Wasserbad bedeutet längere Wartezeit und einen Topf mehr zum Abspülen. Wenn schon Rund-um-Versorgung, dann bitte die volle Ladung, also kein Handgriff zu viel. Was manche Leute gegen Mikrowellen haben, ist mir schleierhaft. Meine Mikrowelle und ich, wir sind ein tolles Team.

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Optisch ausbaufähig: die Aromataschen.

So hat es geschmeckt:

Müsli: Upgegraded werden die drei Sorten Fertigmischungen von mir mit Joghurt, Obst und Walnüssen. Favorit ist das Quinoa-Amaranth-Müsli. Insgesamt kann man bei Müslimischungen meines Erachtens nach nicht besonders viel falsch machen. Wobei: ausgerechnet das Superfruits-Müsli verlangt enorme, früh morgens kaum zu leistende Kauarbeit ab und liegt schwer im Magen.

Smoothies: Die vom Aussterben bedrohte Spezies werden Angehörige meiner Generation später mit den Sünden der Nuller-Jahre assoziieren. Wahrscheinlich wird man in dreißig Jahren mit dem selben wohligen Grusel auf die Kalorienbombe Smoothie zurückblicken wie wir heute auf Mettigel und Schichtsalat. Ein bisschen hat die subtil-gesellschaftliche Umerziehungsmaßnahme bei mir wohl schon gewirkt. Mango-Maracuja gefällt aufgrund seiner Sämigkeit (die kommt von den Bananen), ist aber zu süß. Pfirsich-Himbeere hingegen schmeckt, ich kann es nicht besser formulieren, unnatürlich.

Snacks: Während ich von rohen Cheesecakes als Zwischenmahlzeit träume, kaue ich missmutig auf den Nussmischungen herum, die sich nicht zwischen süß und salzig entscheiden wollen. An Kirsche & Physalis stört mich die Säure. An Apfel Gojibeere gefallen immerhin die Schokostückchen.

Mediterranes Lamm mit bunten Pimientos an Erbsenpüree: Abgesehen davon, dass ich mich an der Formulierung „an irgendwas“ störe, gefällt mir dieses eher winterliche als mediterrane Gericht recht gut. Das Lamm ist für meinen Geschmack zwar ein wenig zu durchwachsen, dafür ist die Rotwein-Kräuter-Sauce mit getrockneten Tomaten köstlich. Seit ich im Reisinger’s den mit Minze verfeinerten Erbsenpüree für mich entdeckt habe, freue ich mich über jedes Wiedersehen. So auch hier.

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Mediterranes Lamm mit bunten Pimientos an Erbsenpüree.

Brunnenkressesuppe: Feine Schärfe suche ich ebenso vergeblich wie ein Weißweinaroma. Zum ersten Mal nehme ich die Wasserbad-Chose auf mich. Und siehe da: die Suppe ist auch nach den angegebenen acht Minuten noch so lau, dass ich sie, Überraschung, in die Mikrowelle gebe. Ergebnis: noch ein Teller mehr zu spülen (der Goldrand des ursprünglichen Suppentellers schmilzt in der Mikrowelle) und eine Suppe, an der sich seltsame chemische Prozesse vollziehen. Oder ist das von mir zugegebene Kürbiskernöl schuld an der breeigen Konsistenz?

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Brunnenkressesuppe.

Fruchtiges Schollenfilet mit Erbsenpüree an dreierlei Getreide: Auch hier erscheint mir die Bezeichnung prätentiös, weniger wegen des „an’s“, sondern des „dreierlei Getreides“, das sich als Zartweizen, Dinkel, Langkornreis und Belugalinsen entpuppt. Leider erinnert die Konsistenz an Krankenhauskost, trocken und fad. Der Fisch schmeckt im Mund, ist nach dem Schlucken aber schnell vergessen. Den Erbsenpüree kenne ich ja bereits. Weil dieses Gericht zwei Mal im Paket steckt, kommt es, dass ein zweiter Testesser das Vergnügen hat, seinen sprichwörtlichen Senf dazuzugeben. Testesser V. ist begeistert, allerdings unter dem Gesichtspunkt, dass wir eine nächtliche Mahlzeit zu uns nehmen, da kommt ja immer der Heißhunger-Bonus ins Spiel (von diesem Heißhunger-Bonus lebt, nebenbei bemerkt, eine ganze Döner-Industrie). Mit zeitlichem Abstand findet V.: lecker war’s, aber zu flüssig.

Fischroulade mit Vichy-Möhren an Selleriepüree: Auch dieses Gericht ist in doppelter Ausführung vorhanden. In Kombination mit dem Schollenfilet ist das ein bisschen viel Fisch für meinen Geschmack. Der in Mangold eingewickelte Fisch (Bachsaibling, Zander, Kabeljau) gefällt durch ein gut gewürztes Aroma. Auch den Selleriepüree würde ich fast jedem Kartoffelpüree vorziehen (außer dem mit Trüffelbutter bei Chicago Williams). Die groß als „Vichy“ angekündigten Karotten hingegen sind labbrig und so aromatisch wie ein Kantinenessen für jene, die es wieder nicht rechtzeitig vom Schreibtisch weggeschafft haben.

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Fischroulade mit Vichy-Möhren an Selleriepüree.

Süßkartoffel-Zucchini-Curry mit Erdnüssen: Das große Finale. Zufällig fällt dieses Essen mit den letzten Zeilen meiner Masterarbeit zusammen, was mich nicht davon abhält, den Wasserbad-Weg zu wählen, aus Gründen der Fairness, denn vielleicht stoßt die Mikrowelle beim Kukimi-Essen an ihre Grenzen. Also: Armomatasche für fünfzehn Minuten in den siedenden Topf. Beim Aufschneiden des Beutels stelle ich fest, dass es keine Kohlendhydrate gibt. Für den Masterarbeitskopf brauche ich aber Kohlenhydrate, weswegen ich schnell eine Portion Reis ausfsetze. Bis die fertig ist, ist das Curry, man ahnte es bereits, kalt. Mikrowelle. Von den ursprünglich knackigen Karotten bleibt etwas Breiiges übrig. Verzweiflung. Zumal ich dieses Gericht am Kukimi-Messestand gegessen habe, wo es köstlich schmeckte. Was habe ich falsch gemacht? Ist die Liebe zu meiner Mikrowelle schon so alt, dass ich die Realität aus den Augen verloren habe?

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Süßkartoffel-Zucchini-Curry mit Erdnüssen.

Betrachtet man Kukimi isoliert als das, was es ist – ein Lieferservice, der ohne Geschmacksverstärker auskommt, größtenteils ohne Gluten und, vorausgesetzt, man killt nicht wie ich gnadenlos alle Vitamine in der Mikrowelle, vitaminreich – schneidet er ganz gut ab. Anders verhält es sich im Vergleich zu Fresh Parsnip. Trotz meines Verständnisses für den Detox-Gedanken – keines – gewinnt Fresh Parsnip die Liefer-Competition. Schon, was den Umfang betrifft, der Schwabe würde sagen: was man für sein Geld kriegt. Bei Fresh Parsnip sind es zwei großzügig portionierte warme Mahlzeiten am Tag, ein täglich wechselndes Frühstück, ein halber Liter Green Juice plus eine Zwischenmahlzeit (die manchmal so herrlich ist wie der Raspberry Raw Cheesecake). Kukimi hingegen kommt gerade mal auf eine warme Mahlzeit, von den Portionen her sehr viel kleiner, 250 ml Smoothie, 30 g Müsli für morgens und die auf Dauer eintönigen zwei Sorten Zwischensnacks. Selbst abzüglich der Kosten für Fleisch und Fisch haben die veganen Fresh Parsnipper sehr wahrscheinlich höhere Ausgaben. Mein Flex-Paket bei Kukimi kostet 19,90 Euro pro Tag. Mein Fresh Parsnip-Paket hatte einen Wert von 42 Euro pro Tag. Das relativiert die Sache ein wenig.

Danke an Laura Kroth und Lia Schmökel von Kukimi für frei werdende Kapazitäten im Masterarbeitshirn. Und für das Verständnis für eine ehrliche Kritik.