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„No allergies today“

Ich bin so gerne anders. Stolz darauf, keine Serien zu schauen, also gar keine. Mir missfällt das Konzept der prinzipiellen Unabgeschlossenheit. Außerdem fühlt man sich noch mehr als sonst wie sein eigenes Klischee. Das liegt daran, dass Serien sonntags allein im Bett geschaut werden müssen. Es ist ein Naturgesetz. Bei der sechsteiligen Netflix-Doku Chef’s Table über die besten Köche der Welt mache ich eine Ausnahme. Notizen aus meinem, nun ja, Bett:

– Wenn Männer kochen, ist auffallend oft Feuer im Spiel. Ein die Wildnis erleuchtendes Lagerfeuer, in dessen Asche frisch Erlegtes oder gerade Gefischtes glimmt.

– Die attraktivste Küchencrew arbeitet in Melbourne im Attica Restaurant. Auch scheint es bei dessen Küchenchef Ben Shewry vergleichsweise demokratisch und nett zuzugehen. Der New Yorker Dan Barber hingegen ist ein Arschloch und sieht das sogar selbst ein.

– Auch bei Francis Mallmann fühlt man sich als Mitarbeiter augenscheinlich wohl. Besonders die stets über dem Personalessen kreisende Magnumflasche argentinischen Rotweins hinterließ bei mir einen nachhaltigen Eindruck.

– Alle Küchenchefs legen auf die ein oder andere Art ihre „Seele“ in ihre Gerichte. Seit ich nicht mehr auf der Schwäbischen Alb wohne, fehlen mir die Seelen so sehr.

– Selbes Thema: Noch nie wurde Missfallen über die eigene gottverlassene Herkunft charmanter ausgedrückt als von Magnus Nilsson: „I tolerated living there.“ Aus dieser Folge stammt auch der Satz, der Musik in den Ohren jedes Gastgebers ist: „No allergies today.“

– Von den sechs porträtierten Köchen ist einer weiblich. Damit nicht genug, geht ein Großteil der Folge über Niki Nakayama dafür drauf, deren Geschlecht zum Thema zu machen. Sie hat den Kaliforniern Kaiseki beigebracht, jene Essenz der japanischen Küche, die auch mich begeisterte? Geschenkt. Stattdessen geht es um ihre Statur, ihr hübsches Gesicht, ihre sexuellen Präferenzen. Bis hin zu der ungeheuerlichen Erzählung, sie versperre den Gästen ihres Restaurants N/Naka den Blick in die Küche, denn wüssten diese von der Frau am Herd, nähmen sie das Essen weniger ernst.

– Angesichts des irren neuseeländischen Akzents von Ben Shewry erinnere ich mich an einen weiteren Grund, warum ich keine Serien schaue: Trotz eines glänzenden Englischabiturs verstehe ich von der Originalsprache manchmal nur train station. Aber die Bilder der australischen Palmensilhouetten sind schön.

– Mein lieber Freund S. war schon mal in der Osteria Francescana essen. Er musste ein halbes Jahr vor seinem Besuch reservieren und etwa ebenso lange darauf sparen. Besonders Massimo Botturas „Parmigiano in fünf Reifegraden“ sei unglaublich gewesen. Futterneid.

Gelegentlich schicke ich S. Fotos von meinem Essen. So auch an diesen herrlich klischeehaften Serienabenden im Bett. Deswegen weiß ich noch so genau, was zwischen den Laken landete, als ich Chef’s Table sah. Weil mein Aszendent Waage ist, muss ich immer das Gegenteil machen, aus Gründen des Gleichgewichts. Wenn ich mir eine Dokumentation über Herzmuscheln mit Bierinfusion anschaue, muss ich dabei irgendeinen Quatsch mit Lebkuchensauce essen. Etwas Unsubtiles!

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Aus Chef’s Table, Folge 6 (Magnus Nilsson)

Folge 1 (Massimo Bottura, Osteria Francescana): Reste vom Abend zuvor. Beste Reste! Auf eine Riesenportion Gado Gado folgen selbstgemachte Churros mit Lebkucheneis von IKEA und Instant-Schokofondue aus der Mikrowelle – Call me Bridget Jones.

Folge 2 (Dan Barber, Blue Hill Restaurant), Folge 3 (Francis Mallmann, El Restaurante Patagonia Sur), Folge 4 (Niki Nakayama, N/Naka), an einem Tatort-losen Sonntagabend hintereinander weggeglotzt, als eine Art visuelles binge eating: Spaghettini mit Rohmilchbutter und Zitrone, nach einem Rezept aus dem Zeit Magazin. Als Dessert spontan aufgewärmter Schoko-Trüffelkuchen von IKEA – meine Mikrowelle und ich, wir sind ein tolles Team.

Folge 5 (Ben Shewry, Attica Restaurant): Wieder Spaghettini, verfeinert mit gefühlt einer halben Flasche „bestem Olivenöl“ (Jamie Oliver) und eilig angebratener Aubergine und Babyspinat, anschließend zerkrümelte Prinzenrolle und ein Glas „Fruchtikus Rote Früchte“ (zu Werbezwecken im Shopping Center geschenkt bekommen).

Folge 6 (Magnus Nilsson, Fäviken): Käsereste von Fritz Blomeyer. Danach zu faul, um die Zutaten für eine ordentliche Süßspeise zu besorgen. Ich mische alles zusammen, was der Vorratsschrank hergibt: Mehl, Eier, Butter, Ahornsirup, Haferflocken, Vanilleessenz, gemahlene Mandeln, Lebkuchengewürz. Für das Ergebnis schäme ich mich ein wenig, tröste mich aber mit den extremen Bedingungen, unter denen es entstand. Ich bin einfach nicht so der Serientyp.


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