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Schluss mit dem Perfektionismus: Drei Grüße aus der fast veganen Küche

In früheren, innerlich aufgewühlteren Zeiten fand ich Buchhandlungen schrecklich deprimierend. All die Klassiker, die man als kluger Mensch gelesen haben sollte! All die Standardwerke, Repertoiretitel, Must-reads und jeden Monat kommen zig neue hinzu! Wer so denkt, kann sich schon mal vormerken für einen Platz in der Burn-out-Klinik. Heute bin ich da großzügiger mit mir selbst, lese nur, worauf ich Lust habe oder, wofür ich bezahlt werde, und das fühlt sich gut an. Mittlerweile hat sich der Fokus weg von den Romanen im Buchregal hin zum Barwagen in der Küche verlagert. Zum Barwagen? Ja, denn dort stapeln sich meine Kochbücher. Nun könnte man wieder in die Perfektionismusschleife geraten – wann soll ich das jemals alles ausprobieren? – oder sich sagen, dass Perfektionismus Quatsch ist und stattdessen kochen, wonach einem ist oder ins Restaurant gehen.

Nichtsdestotrotz habe ich mir Anfang des Jahres eine kleine Challenge auferlegt: einen Monat vegan zu leben. Warum? Weil ich Lust darauf hatte, sage ich mir. Weil ein unausgesprochener gesellschaftlicher Zwang zur ethisch korrekten Ernährung herrscht, dem ich glaube, folgen zu müssen, sagt die ehrliche innere Stimme. Ein paar Tage vor Ende des Monats habe ich das Experiment abgebrochen. Und zwar, ohne mir mangelnde Disziplin vorzuwerfen. Übrig geblieben sind drei Bücher mehr auf dem Barwagenstapel, den ich weiterhin seelenruhig beim Wachsen beobachte. Und siehe da, ganz ohne Zwang habe ich auch nach Ablauf des veganen Monats einige Rezepte aus den veganen Büchern nachgekocht.

Die Kürbistarte aus La Veganista backt hatte ich bereits Ende letzten Jahres ausprobiert und zu einem persönlichen Favorit gekürt. Damals der Einfachheit halber mit Gelatine statt Agar-Agar, im veganen Monat dann mit dem pflanzlichen Geliermittel. Wenn ich alleine selbstvergessen in meiner Küche sitze und Kuchen mit den Fingern aus der Form esse, ihn mit Frischhaltefolie abdecke, nur um sie zehn Minuten später wieder zu entfernen und weiter zu naschen, ist alles gesagt. Wenn ich vergesse, ein Foto davon zu machen, sowieso. Fünf von fünf Kürbiskrönchen. 

Als nächstes sind die Schokotörtchen an der Reihe. Das Rezept kommt gänzlich ohne fancy Zutaten aus. Aus Sojasahne entsteht eine Ganache, der Teig wird mit Puderzucker gesüßt. Margarine als Butterersatz kenne ich von meiner Mama. Verschiedende Menschen kommen in den Genuss dieser Törtchen und alle sind aufrichtig begeistert. Fünf von fünf Sojasahnehäubchen.

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Schokotörtchen aus La Veganista backt.

Sophias vegane Welt hat von allen drei Büchern die ansprechendste Optik. Schon die Autorin  vereint die richtige Mischung aus massentauglich fotogen (hübsches Gesicht, freundliches Lachen) und einer Prise Extavaganz (viele bunte Tätowierungen). Früher arbeitete sie als DJ und Veranstalterin, ein Job, der sich bekanntermaßen auf die Dauer eher nicht mit einem gesunden Lebensstil vereinbaren lässt. Seit zwei Jahren lebt Sophia Hoffmann vegan.

„Betrunkener Welpe, der in eine Maracuja gestolpert ist“, „Errötete Blumenkohlschafe auf Gänseblümchensalat“, „Lila-Laune-Suppe mit grünen Herzissini“: Viele von Sophias Gerichten wollen zu viel, vor allem optisch. Ich persönlich bin kein Fan von Essen, das klingt oder aussieht wie ein Mitbringsel für einen vierten Geburtstag. Andere Gerichte glänzen durch Simplizität, oft wird lediglich ein Haufen Rohkost aufgetürmt und ein Dressing darübergegeben („Detox Berg“). Als erstes wage ich mich an „Die schnellste und beste Linsensuppe der Welt“. Und zwar in einer Stunde der Not, durch eine Erkältung ans Bett gefesselt, Geruchs- und Geschmackssinn verkümmert. Überraschenderweise schmeckt die Suppe selbst ohne Appetit grandios. Ein Rezept, das die vegane Phase für alle Zeiten überdauert. Fünf von fünf Suppenkaspern.

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Die schnellste und beste Linsensuppe der Welt…

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… aus Sophias vegane Welt.

Die Suppenprobe hat sie bestanden, kann Sophia auch süß? Auch, wenn mich als Wienerin im Herzen die veganen Sachertörtchen förmlich anspringen, versuche ich mich zuerst an den Sweet Bean Brownies. Rote Bohnen in der Nachspeise? Als Veganer muss man sich an so einiges gewöhnen. Schwarze, vorgekochte sind nicht mal im Bioladen zu bekommen, mit roten verbinde ich eher Chili sin Carne als Kuchen. Aber gut. Im Ergebnis schmeckt das weniger exotisch als erwartet, aber auch nicht überzeugend. Wie immer muss die angegebene Backzeit unterschritten werden und sind von der Konsistenz her trotzdem zu mehlig. Drei von fünf Schokoböhnchen.

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Sweat Bean Brownies.

Das dritte Buch auf dem veganen Stapel ist Vegan Guerilla. Es erweckt einen leicht anarchischen Eindruck, in Richtung Self-publishing (Spiraleinband!) und kulinarischem Widerstand („Die Revolution beginnt in der Küche“). Überraschenderweise klebe ich hier die meisten Zettel rein, weil alles so lecker klingt. Während Fleischersatzprodukte bei Sophia Hoffmann und der Veganista kaum oder gar nicht vorkommen, sind sie hier Basis der meisten (herzhaften) Gerichte. Gegen Seitan, Tempeh und Co. ist, in Maßen genossen, nichts einzuwenden. Seltsam finde ich es hingegen, wenn Zwiebeln und Weißwein in eine Pumpkin Pie wandern.

Stattdessen probiere ich mich an den Erdnuss-Bananen-Cookies. Wieder als eine vegane Verlegenheitslösung, mit Butter statt Margarine (und oh là là, der Unterschied ist nicht abzustreiten) und Vollmilch- statt Zartbitterschokolade. Wie immer empfehle ich eine Backzeit von höchstens achtzehn, statt der angegebenen zwanzig Minuten. Noch warm mit nicht-veganem Vanilleeis verzehrt, sind sie ein Traum. Selbst die drei Tage alten Keksreste sind köstlich, sozusagen ein veganes Schaf im Wolfpelz. Fünf von fünf Mogeleien.

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Erdnuss-Bananen-Cookies.

Herzhaft wird es mit zwei Burgerrezepten. Mittlerweile gehört Burgern ein fester Platz im Gastrokosmos, für Vegetarier sowieso und immer öfter auch für Veganer. Ich gehöre zu den Menschen, die das Brot und die Extras mindestens so wichtig finden, wie das Patty (das bei Carnivoren das Fleisch, bei Vegetariern der Grühnkohlbratling ist). Auf den ersten Blick wirkt der Süßkartoffelburger von Vegan Guerilla wie etwas, das sich praktisch von selbst zubereitet, weil die meisten Zutaten fertig gekauft werden. Dann natürlich nur die besten: ein Walnussbrötchen von Zeit für Brot, Salat aus dem Biomarkt und, bekenne mich schuldig, Büffelmozzarella, denn die vegane Phase ist vorbei. Einzig das Süßkartoffelpatty entsteht in Handarbeit. Auf die Schnelle? Tatsächlich stehe ich eineinhalb Stunden in der Küche, die hinterher aussieht wie ein Schlachtfeld. Nach Verzehr dieses im Ergebnis gigantisch leckeren Burgers muss es heißen: „Wir stinken wie eine Frittenbude, die Küche sieht aus wie ein Schlachtfeld, aber hey: wir haben unseren Burger selbst gemacht.“ Fünf von fünf Burgern de Luxe.

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Süßkartoffelburger von Vegan Guerilla.

Auch der zweite Burgerversuch kann als geglückt gelten. Beim „Monkey Burger“ besteht das Patty aus einer Tofu-Nuss-Tahini-Masse. Beide Brötchenhälften werden mit Erdnussbutter eingeschmiert, dazwischen kommen Romana-Salatherzen, Tomaten und karamellisierte Bananen.

Ach ja, das Brötchen – wenn der Mensch keine Aufgaben hat, schafft er sich welche. Auf meinem Mittwochs-Nachhauseweg komme ich immer am Markt am Invalidenplatz vorbei. Wahrscheinlich bin ich dort schon bekannt als die Frau, die immer erst zehn Mal im Kreis läuft, bis sie sich für etwas entscheidet und dann auch noch mit seltsamen Anliege nervt. Wie diesem: Welchen Käse zum Monkey Burger? Einen milden, cremigen Ziegenkäse empfiehlt der nette Käsehändler. Welches Brötchen? Für Burger unbedingt ein Brioche, sagt der Biobäcker. Da regt sich bei mir Skepsis, denn Banane + Erdnussbutter + süßes Milchbrötchen = Nachtisch. Wir einigen uns auf ein Vollkornbrötchen (passt am Besten) und Brioche (passt schon auch) und weil er so nett war, kaufe ich ihm gleich noch einen kein bisschen veganen Mohnkuchen und eine Linzer Torte ab. Der Burger schmeckt weniger erdnussig als erwartet und im Vergleich zur Süßkartoffelvariante nicht ganz so prägnant, aber dennoch delikat. Vor allem zusammen mit der Weinbegleitung, einem portugiesischen Duoro. Vier von fünf Erdnusslovern.

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Monkey Burger.

Was lernen wir aus dem veganen Experiment? Dassselbe wie aus dem wachsenden Bücherstapel. Wer weniger streng zu sich ist, wird mit Gelassenheit belohnt. Fast alle der Rezepte in den drei Büchern waren so toll, dass ich sie ins nicht-vegane Repertoire aufgenommen habe. Nur, dass sie mit Butter und Büffelmozzarella viel besser schmecken. Und das ist gut so.