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So schmeckt Bali

Abgesehen von einer bis ins kleinste Detail ausgefuchsten Strandgarderobe, habe ich auf die „Insel der Götter“ vor allem eines mitgebracht: großen Hunger.

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Ein Teil der ausgefuchsten Strandgarderobe.

Vorerst trennt mich vom Paradies jedoch ein Siebzehn-Stunden-Flug exklusive Zwischenstopp. Manche Fluggesellschaften geben dem Passagier ja das Gefühl, mehr Belastung zu sein als Freude. Zwangsläufig wirkt sich das auf die Verpflegung an Bord aus. Nicht so bei Qatar Airlines. Zum Lunch gibt es ein trockenes, aber geschmacklich passables Kofta Curry, Tikki Masala und einen mit Zwiebeln angenehm verschärften Erbsensalat. Über das kurzzeitig ofenwarme, dann Pappmaché-trockene Weißbrötchen breite sich der Mantel des Schweigens. Die Weinbegleitung, ein argentinischer Malbec, ist zu tanninhaltig, was aber am (erwiesenermaßen) schlechteren Geschmacksempfinden in 10.000 Meter Höhe liegen könnte – deswegen trinken ja auch alle Tomatensaft. Ein Wermutstropfen: So großzügig sich die perfekt geschminkten Stewardessen auch geben, nach dem dritten alkoholischen Getränk fangen sie an, sich Notizen zu machen. Irgendwann fragt niemand mehr, ob der Tomatensaftverweigerer nachgeschenkt haben möchte. Kaum hat man aufgegessen, kommt der Digestifwagen angerollt. Dazu ein teigig-karamelliger Apfelkuchen.

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Zu tanninhaltig, oder: jammern auf hohem Niveau.

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Kofta Curry, Tikki Masala und Erbsensalat.

Nach sieben Stunden fogt die Zwischenlandung in Doha. Den Preis von sechs Euro für einen mittleren Cappuccino („we have it only in organic, madam, is that okay for you?“) macht das Personal des Coffeeshops mit einer beinahe untertänigen Freundlichkeit wett. Mitarbeiter Paul beantwortet jede Bitte mit einem zutiefst verbundenen „thank you, madam“ und reicht einen Teller lokaler Gebäckspezialitäten. Im Umkehrschluss bittet er um Ausfüllen eines Bogens zur Kundenzufriedenheit. Genau genommen diktiert er dem Kunden dessen Servicezufriedenheit von links hinter über die Schulter. Dieser möge doch bitte all seine Mitarbeiter namentlich erwähnen und ihre Leistung als herausragend bewerten. Von einer Servicewüste kann in Doha wahrlich keine Rede sein.

Und dann das Paradies, das natürlich ein grünes ist. Auf Bali habe ich für fünfzig Cent gegessen und für fünfzig Euro. Ersteres auf einem Tagesausflug zum Affenwald in Ubud, kurz vor dem Zusammentreffen mit den in ihrer Korruptheit ausgesucht höflichen Polizeibrigade, aber das ist eine andere Geschichte. Der Tag beginnt mit einem fürstlichen Frühstück im Hotel Alaya. Der frisch gepresste Saft (Gurke – Sellerie – Apfel – Spinat) gehört zu den besten der ganzen Reise, das traditionelle Frühstück besteht aus einer für ein Curry eher dünnen Brühe mit krossem Tofu und Tempeh. Manch einer steht hungrig vom Tisch auf, weswegen von den eigentlich für die Bewohner des Affenwalds vorgesehenen Bananen nicht allzu viele übrig bleiben. A propos: Affe müsste man sein. Wer einmal von den puppenstubenhaft-kleinen, überreifen Bananenstauden gekostet hat, versteht die Aggressivität, mit der die Affen auf Diebestour gehen. Normalerweise muss ich Bananen weiterverarbeiten, diese hier steckt man sich wie Süßigkeiten im Ganzen in den Mund.

Nach dem Affenwald und einem kurzen Zwischenstopp in einem Café ohne Sojamilch, verspüren zur Mittagszeit drei von vier Reisenden Hunger. Inmitten der sprichwörtlichen Pampa wartet eine Einheimische in einem Verschlag auf Kundschaft. Abgesehen von Wasser, seltsamen Süßigkeiten und Benzin, verkauft sie ein ad hoc zubereitetes Gado Gado. Dazu erwärmt sie Erdnusspaste, Zwiebeln und Chillis in einer Tonpfanne, brät Tempeh und Tofu scharf an. Den Reis schneidet sie von einem Block, so gatschig, dass ich davon abbeissen möchte. Zum Schluss kommen Sprossen und Salat darüber und eine süßliche, Kecap-Manis-artige Sauce. Ein Teller kostet 50 Cent und wird in den folgenden zwei Wochen von nichts getoppt werden. Erste Gado-Gado-Rezepte von Daheimgebliebenen trudeln noch vor meiner Rückkehr ein.

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Für Daheimgebliebene I: Gado Gado-Paste.

Den ganzen Tag in Organic Coffee Shops wie dem Grocer & Grind abhängen? Gar kein Problem. Zum Frühstück Kokostoast mit geschmorten Aprikosen und Zimtjoghurt, zum Nachmittag mehlloser Schokoladenkuchen, abends Pad Thai mit Tofu und Reisnudeln oder Salat mit geröstetem Kürbis. Trotzdem lohnt natürlich auch der Weg in vom Western Style gänzlich unberührte Küchen. Warung heißen die einfachen Restaurants, wo dem Tapas-Prinzip verwandt die einzelnen Gerichten in Glasvitrinen präsentiert und häppchenweise portioniert werden. Am Besten schmeckt es bei Warung Kollega. Hier wird erfolgreich ein Tausendjähriges Ei verkostet, das jede vorab gehegte Furcht als unbegründet erweist. Von der Optik der Auberginen, die an in der Sonne vergessene Ölsardinen erinnern, darf man sich ebensowenig abschrecken lassen wie von der angekündigten Schärfe der im Bananenblatt gegarten Tofupäckchen.

Tage im Paradies beginnen früh. Selbst schuld, wer sich auf Bali das Frühstück entgehen lässt. Granola gehört zum Standardrepertoire, hausgemacht oder Bali Crunch von Granola Creations. Ebenso Eggs Benedict beziehungsweise deren vegetarische Version Eggs Florentine mit Spinat statt Bacon. Jene im Café Bali in Seminyak nehmen es locker mit denen im 3 Minutes auf. Überhaupt serviert das Café Bali das leckerste Frühstück: Granola, frisch gepresster Orangensaft, ein perfekter Sojamilch-Latte, Eggs Florentine, Brot und Marmelade für weniger als fünf Euro. Nicht zuletzt der tadellosen WLAN-Verbindung und des charmanten Interieurs wegen lässt es sich hier auch außerhalb der Frühstückszeit aushalten; auch wenn der in Zitronensaft, Kokosmilch und Koriander marinierte Maha-Maha, ein lokaler Fisch, ein paar Wünsche offen lässt.

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Wie die Zeit vergeht, wenn man Spaß und WLAN hat!

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Granola, frisch gepresster Saft, Soja-Latte.

Nicht nur im Café Bali, auch überall sonst ist ein frisch gepresster Saft morgens Pflicht. Ich bitte um Nachsicht angesichts meines nicht allzu lang zurückliegenden Green-Juice-Bashings. Bali hat mich bekehrt und zwar so sehr, dass ich mir nach meiner Rückkehr umgehend einen Entsafter bestelle. Lieblingskombinationen: Karotte – Gurke – Zitrone – Koriander – Ingwer – Curry, Apfel – Koriander – Ingwer – Ananas, Rote Bete – Karotte – Sellerie und purer Avocado-Shake. Mein Entsafter und ich: eine Liebe für die Ewigkeit. *

Auch der beste Saft ist kein Ersatz für Eis. Gutes Eis hat bekanntlich seinen Preis. Finde zumindest ich und zögere nicht, für eine Kugel Erdnuss im Sea Circus umgerechnet drei Euro zu bezahlen, woraufhin ich vom Rest der Truppe für verrückt erklärt werde. Es lohnt sich, wie auch alles andere an diesem Ort, mit seinem holzplanken-bunten Strandhüttencharme. Günstiger und fast genauso gut schmeckt das Eis bei Lello Lello ein paar Meter weiter, auch hier in der hausgemachten Butterwaffel. Im besten Fall in Kombination mit einem Stück Schoko-Kokos-Kuchen.

Die Finger lassen sollte man hingegen vom Supermarkt-Sortiment. Besonders dringend rate ich vom Spongebob Fantastic Choco Banana-Eis ab (trotz zauberhaftem Videoclip). Gekauft habe ich es, weil ich Lust auf Bananen hatte. Warum ich mir nicht einfach Bananen statt dieses nach Chemiebaukasten schmeckendem Industrieprodukt gekauft habe, ist mir rückblickend ein Rätsel. Vielleicht lag es am Lärm der durchs Megafon verkündeten Sonderangebote.

Ein Wort zum Fruchtangebot: nicht nur die Bananen, auch die Avocados schmecken erwartungsgemäß besser als alles, was bei uns im Einkaufswagen landet. Überraschend hingegen ist die Optik der Früchte. Die Bananen sind meist eher braun als gelb, die Mangos grün trotz Reife. Was wiederum zu der Annahme führt, dass sie allein deswegen nicht in Deutschland verkauft werden würden, was wiederum ein Irrsinn ähnlichen Ausmaßes ist wie die EU-Gurken-Normierung (Ausnahmen bestätigen die Regel).

Der geplante Text über die Wein-Situation auf Bali erübrigt sich, weil es keine erwähnenswerte gibt. Selbst beim Edelitaliener Ultimo schmeckt die chilenische Flasche G7 Chardonnay wie das, was man in Berlin in einer Stunde der Not beim Späti kauft. Wenig besser verhält es sich am Echo Beach (schade, denn das Thunfischsteak mit Korianderpanade und Terriyakimayonnaise ist ein tropisches Gedicht) mit einem namenlosen südafrikanischen Riesling. Der einzig gute, auf Bali getrunkene Wein ist der selbst mitgebrachte, ein feinherber Riesling Fuchsmantel von Karl Schaefer.

Alternativ steht eine Vielzahl lokaler Cocktailkreationen zur Wahl, am teuersten und möglicherweise gelungensten im Strandclub Potatoe Head. Eine Etage über uns speist angeblich Fatboy Slim. Wir liegen zum Mindestverzehrpreis von umgerechnet zehn Euro pro Person, umgesetzt in Form von Fruchtmischungen auf Zitronengras-Gin-Basis, auf weißen Liegen direkt am Strand. Das ist sehr Miami-Beach und die Tatsache, dass der Negroni mit Orangenscheibe kommt, fast gar nicht schlimm.

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Für Daheimgebliebene II: das Bali Crunch Granola.

Einer der im Vorfeld eingeholten Tipps lautete: Cheesecake essen bei Betelnut. Unweit des Echo Beachs befindet sich dieses im inseltypischen Hüttenstil gehaltene All-day-long-Etablissement. Fragen lächelt das dem Englischen nur rudimentär mächtige Personal einfach weg. Wir kosten die Cheesecake-Varianten Passionsfrucht, Mixed Berries, Betelnut (ist das Rote Bete?), Peacan und Bounty und den Jaffacake, eine Art Brownie mit Karamellfüllung. Die Peacan-Cheesecake-Reste sind, kein Scherz, beinahe Anlass einer ernsthaften Auseinandersetzung.

Ebenfalls Grund zum Streit liefert das vegetarische Nasi Campur bei Bali Buda. Spezialisiert hat sich diese Kette auf frisch zubereitetes Organic Food und den Verkauf ebensolcher Lebensmittel. In der Kuchenvitrine warten Raw Chocolat Tartelettes, ein fantastischer Carrot Cake und ein Apple Pie, der selbst Frucht-im-Dessert-Abstinenzler die letzte Apfelscheibe vom Teller kratzen lässt. Nasi Campur, zu Deutsch „Gemischter Reis“, gehört zu den indonesischen Nationalgerichten. Die Bali-Buda-Version kommt als schmuck arrangierter Teller voller Köstlichkeiten: geröstete Kokosflocken, Tempeh und Tofu, Spinat mit sämiger Erdnusssauce, dazu Vollkornreis. Von der Tamarindenlimonade ist abzuraten (Farbe und Geschmack kommen abgestandenem Spülwasser gefährlich nahe), vom Dattel-Bananen-Shake nicht.

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Wir kommen wieder, auch ohne WiFi.

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Von der Tamarindenlimonade ist abzuraten.

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Nasi Campur.

Als recht verwöhnter Berlin-Mitte-Mensch hat man sich an den Zusatz organic längst gewöhnt. Eine derart vitale Organic-Szene hätte man auf Bali jedoch nicht erwartet. Mit Ausnahme des wunderschönen Echo Beach Cafe am gleichnamigen Strand bietet selbst die hinterste Spelunke Sojamilch an. Vegetarisch ist nie ein Problem, vegan häufig auch nicht. Ich vermute, dass der organische Wind aus dem nahegelegenen Australien weht. Dessen Bewohner stellen die mit Abstand größte Touristengruppe und haben uns Berlin-Mitte-Menschen was organic und healthy food betrifft einiges voraus.

Kokosnüsse etwa kennen diese Berlin-Mitte-Menschen als überteuerte Lust-auf-Reisen-Deko in der Supermarktobstabteilung, die eh kein Schwein öffnen kann, oder als Inhalt einer fancy Dose aka Hipsteraccessoire. Letzteres tritt deswegen immer wieder in direkte Konkurrenz mit jeder quasi frisch vom Baum gefallenen Kokosnuss. Abgesehen von der fragwürdigen Umweltbilanz scheint das Michelberger-Kokoswasser immerhin ohne Zusatzstoffe auszukommen. Im direkten Vergleich zu einer frisch geköpften, echten Nuss kann dieses Wässerchen dennoch nur verlieren.

Am letzten Abend muss der Weg ins La Lucciola führen. Der Verdauungsspaziergang wird vorgezogen, so kommt man in den Genuss eines perfekten Sonnenuntergangs, der, würde er als Poster über dem heimischen Sofa hängen, hoffnungslos kitschig wäre. Auf Indonesisch heißt dieses Schauspiel Mata Hari. Vom Strand trennt die Gäste des La Lucciola nur ein schmaler Rasenstreifen. Das Personal vereint die inseltypische Freundlichkeit mit professioneller Aufmerksamkeit. Ausnahmsweise verdreht meine Begleitung nicht die Augen, sondern fordert mich sogar auf, das Essen fotografisch zu dokumentieren. Danke dafür. Als Vorspeise kommt ein Antipastiteller, als Hauptgang ein unverständlicherweise aus Australien eingeflogener Lachs und als Nachtisch die Neuentdeckung Budino, ein lauwarmes Bananenküchlein mit Vanilleeis.

Das also war das Essen für fünfzig Euro. Alles in allem kann man sagen, dass selbst auf Bali nicht an jeder Straßenecke die kulinarische Offenbarung wartet. Unter all die Leckereien mischen sich auch mal trockener Fisch, zähe Soßen, undefinierbare Klumpen und lieblos Zusammengewürfeltes auf Platsikgeschirr. So wie am Strand von Balangang, wo sich ein Bretterverschlag an den anderen reiht. Jeder hat exakt dieselben Gerichte auf den schlampig laminierten Karten. Meine Berfürchtung, das Essen werde mit derselben Sorgfalt zubereitet, wie die Karte konzipiert, bestätigt sich. Der Fisch im Bananenblatt ist trocken und kommt ohne Eigengeschmack aus, das gedämpfte Gemüse lässt die Kokosnoten höchstens erahnen. Anders als sonst, kann das meiner Laune an diesem Tag rein gar nichts anhaben. Vom Meer weht ein lauer Wind, am Nachbartisch spielen Surfer Karten, die frische Kokosnuss hat nur einen umerklichen Riss, aus dem sich ihr Inhalt auf den Tisch ergießt. Das WLAN-Passwort lautet „Paradise.“

Bali

Trockener Fisch? Schwamm drüber.

* Entgegen der Erwartung hält auch meine Liaison mit dem Entsafter nicht besonders lange. Laut Bedienungsanleitung haben sowohl Bananen, als auch Avocados dort drin nichts verloren; ein Jammer, schmeckt doch besonders diese Kombination am Besten. Das Schlimmste allerdings ist seine Reinigung. Ich habe nichts gegen Abspülen und verbringe gerne viel Zeit in der Küche, aber die sieben einzeln zu putzenden Teile des Philips HR1871/10 übersteigen das Menschenmögliche (genau diesen Wortlaut gebe ich als Rückgabegrund an, take this Amazon). Am ersten Tag verabschiede ich mich von der Vorstellung, dass die sieben Teile, insbesondere die Klingen und das Ausgussrohr, jemals wieder sauber werden. Am zweiten Tag entdecke ich giftgrüne Saftspritzer an Orten, an denen ich sie niemals vermutet hätte. Am dritten Tag schicke ich das Gerät zurück. Nicht alle Träume überdauern das Paradies.