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So schmeckt Havanna

Fangen wir mit etwas Positivem an. Lieblingsort I in Havanna: die Dachterrasse des Hotel Ambos Mundos. Perfekte Sicht, laues Lüftchen, kleine Preise. Lieblingsort II: das El Escorial an der Plaza Vieja. Dessen siebzehn verschiedene Kaffee-mit-Schnaps-Kombinationen lösen bei dreißig Grad im Schatten zwar nur bedingt Begeisterung aus, dafür hat man auch ohne Dachterrasse den Blick auf einen der schönsten Plätze der Altstadt. Statt schwarzem Kaffee mit Rum oder „Wiener Melange“, einem Nachtisch in Eiskaffeeform, koste ich einen Bombón. Was ist ein Bombón? Der Kellner bricht sich das sprichwörtliche Bein ab, um diese Spezialität zu erklären. Als ich „Kondensmilch“ vorschlage, ist er platt. Noch nie habe jemand mit dieser Bezeichnung etwas anfangen können.

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Einer der schönsten Plätze in Havannas Altstadt.

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Was ist ein Bombón?

Wenn man schon im El Escorial ist, erwirbt man frisch geröstete Kaffeebohnen für die Daheimgebliebenen. Ein schönes Souvenir – und eine Empfehlung von Fidel Castros Dolmetscher.  Dass die Hürden zum Kaffeekauf ähnlich hoch sind wie die für eine Audienz bei seinem Arbeitgeber, verschweigt dieser Dolmetscher. Obwohl nur ein einziger Kunde vor mir steht, passiert lange Zeit erst mal nichts. Der alte Mann, der rechterhand auf einem Sack Kaffeebohnen dem Nichtstun huldigt, trifft die allgemeine Stimmung sehr gut. Dann kommt so etwas wie Bewegung auf, schließlich wird dem Mann vor mir eine braune Tüte gereicht. Er bezahlt. Jetzt könnte der Kaufvorgang abgeschlossen sein, aber nein: die Barrista verlangt offenbar den Ausweis ihres Kunden, dessen Daten sie in ein Formular einträgt, zusammen mit der Nummer des Geldscheins. All das dauert ewig. Als sie fertig ist, wechseln die beiden viele, sicher jedenfalls mehr Worte als nötig, bis endlich ich an der Reihe bin. Mein bescheidender Wunsch: 250 Gramm ganze Bohnen. Zur Sicherheit zeige ich auf die Tafel. Die Frau schüttelt den Kopf. Die Mahlmaschine sei, wie überhaupt die ganze Elektronik oder zumindest alle Kaffeemaschinen, ausgefallen. Offenbar denkt sie, ich wolle gemahlene Bohnen. Aber ich will doch ganze! Als das Missverständnis geklärt ist, behauptet sie, es gebe nur 500 Gramm-Beutel. Aber gut sichtbar hinter ihr liegt doch eine ganze Kiste voller 250 Gramm-Beutel! Nein, nichts zu machen. Ich frage noch mal. Und noch mal (how to survive die kubanische Ineffeizienz: einfach die selbe Frage mehrmals stellen). Plötzlich greift sie hinter sich und überreicht mir die gewünschte Ware. Ich bezahle mit Kleingeld, also kein Gegencheck meines Ausweises, den ich auch gar nicht dabei habe. All das dauert ewig. Keiner der Wartenden hinter mir beschwert sich.

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Alles ist möglich? Nicht unbedingt.

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Für die Daheimgebliebenen.

Ich hingegen beschwere mich in Havanna ziemlich oft über alles Mögliche. Über den „Warmen Tomatensalat mit Käse und Rosmarin“ zum Beispiel. Was nach einem zur Abwechslung mal kreativen, vielleicht sogar gesunden Gericht klingt, entpuppt sich als Fast Food. Schade, denn schön sitzt es sich im Fonda La Paila und der Mojito kostet umgerechnet kaum zwei Euro.

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Warmer Tomatensalat mit Käse und Rosmarin.

Über den Wein beschwere ich mich, der entweder untrinkbar ist oder ein Opfer der staatlichen Lebensmittelpolitik, sprich unauffindbar. Gibt es eine Steigerung von Wein im Tetrapack? Ja, Wein im Fünf-Liter-Plastikbottich.

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Volià, die Steigerung von Wein im Tetrapack.

Worüber ich mich auch beschwere, ist die Einseitigkeit des Essens. Reis und Fisch schön und gut, aber nach spätestens einer Woche braucht es gar keine Gräten mehr, damit einem dieser im Hals stecken bleibt. Auf einem recht hohen Niveau immerhin im La Paella, dessen gleichnamiges Gericht angeblich „internationale Auszeichnungen“ erhielt. Traumhaft sitzt es sich im Innenhof des Hotels Valencia, inklusive total authentischem Salsa, jedenfalls wenn sich seine Musiker einmal vom Fußballspiel losreißen können. Happy? Romantic? Sad? Musikwünsche dürfen geäußert werden!

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Schön sitzt es sich im Innenhof des Hotels Valencia…

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… dem Reiseführer ist das auch schon aufgefallen.

Und das Essen? Möglicherweise habe ich irgendwo auf der Welt schon mal eine bessere Paella gegessen und möglicherweise ist Sangria dazu nicht die beste Wahl und kurzzeitig habe ich vergessen, dass ich die zehn Tage vorher bereits Fisch mit Reis gegessen habe. Im Vergleich mit dem ganzen Rest gerät diese Paella trotzdem zur kulinarischen Sensation.

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Paella mit Hummer und Sangria.

Grund zum Meckern liefert auch die Eissituation. Von der angeblich weltbekannten Eisdiele Coppelia, Schauplatz des ebenfalls (?) weltbekannten Films „Erdbeer und Schokolade“ habe ich noch nie gehört; im Nachhinein muss man sagen, zu recht. Interessant ist einzig deren Zweiklassensystem. Im der deutschen Durchschnittskleinstadteisdiele „Venezia“ sehr nahe kommenden Außenbereich stehen exakt vier Sorten zur Auswahl. Das Ufo-förmige Hauptgebäude lockt dagegen mit einer preiswürdigen Architektur. Im Ernst, hat man schon mal eine so schöne Eisbude gesehen? Wenn das kein Eispalast ist… Nun wäre anzunehmen, dass die Einheimischen in den tristen Außenbereich verbannt werden. Aber nein, dort kann man nur mit der Touristenwährung CUC bezahlen (Eigentlich logisch, dass in einem sozialistischen Land der Palast dem Volk gehört).

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Der weltberühmte (?) Film „Fresa y Chocolate“.

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Die weltberühmte (?) Eisdiele Coppelia.

Meine zwei im CUC-Bereich verkosteten Kugeln schmecken nach allem möglichen, aber sicher nicht nach Vanille und Zimt. Zudem ist Honig ein fragwürdiges Topping. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich denken, das richtig gute Eis gibt es im Palast nebenan. In Wahrheit jedoch gibt es laut dem Reiseführer hier die „größere Auswahl“. In Wahrheit gibt es auf Kuba kein gutes Eis, da bin ich ganz beim Kollegen von Vice.

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Vanille und Zimt (?) mit Honigtopping.

Wenn die Vice eines kann, dann Anti. Manchmal sind Anti-Tipps die besten. Entschieden rät der Reiseführer von der kubanischen Version einer Pizza ab: „Was man hingegen nicht probieren muss, sind die an allen Ecken angebotenen kubanischen Pizzen. Sie sind klein, viel zu dick, nahezu geschmacksfrei und können allenfalls dazu dienen, den Kalorienhaushalt ins Lot zu bringen.“ Viel zu dick? Klar, dass ich das probieren muss. Das Ergebnis gehört zum Leckersten, was ich auf Kuba gegessen habe (spricht nicht für Kuba, ich weiß). Beim Belag ist Luft nach oben, frische Tomaten und etwas Rucola täten ihm gut, der Käse ist ein wenig geschmacksneutral. Vielleicht sogar ein bisschen Trüffelöl (Note to self: auf dem Teppich bleiben)? Trotzdem ist die teigig-weiche Konsistenz alles, was ich von einer Pizza erwarte. Und das zu einem Preis von dreizehn Pesos – so wenig, dass man ihn kaum in Euro umrechnen kann.

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Bei solchen Preisen lacht das Schwabenherz.

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Irgendwie geil: die super-teigige Street Food-Pizza.

Nun gut, sage ich mir, dann eben Street Food statt Fine Dining. Wie eigentlich immer und überall auf der Welt erweist sich ersteres auch auf Kuba und insbesondere in Havanna als die beste Wahl. Die mit Tortilla gefüllten Weißbrötchen geben mit ihrem Preis von umgerechnet zwanzig Cent wenigstens nicht vor mehr zu sein, als sie sind. Der Guarapo, ein aus Fünf-Liter-Kanistern abgefüllter Zuckerrübensaft, mundet, auch wenn bis zum Schluss unklar bleibt, wie seiner cremig-süßen Konsistenz nachgeholfen wird. Der in Winztassen aus der Thermoskanne abgefüllte Cafe Cubano ist die kubanische Version eines zuckrigen Espressos für umgerechnet drei Cent. Die Churros mit Kondensmilch werden mir fehlen. Das Coco Glasé ist wässrig, aber verglichen mit dem Eis bei Coppelia ganz okay. Das Pan tortilla y queso entpuppt sich leider wieder als Milchbrötchen mit einem Stück recht salzigen Rührei dazwischen. Den Käse kann ich nicht finden.

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Street Food deluxe? Nun ja.

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Guarapo und Cafe Cubano.

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Klingt gut…

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… schmeckt ganz okay.

Irgendwann habe ich mich von der Vorstellung verabschiedet, in diesem Urlaub gutes Essen zu bekommen. Summa summarum habe ich lange nicht so schlecht gegessen wie auf Kuba. Wenn das Fass noch einen Boden hat, haut ihn die Tapasbar Café Lamparilla aus. Vom Reiseführer (einer für die Tonne) als „günstig, mit freundlichem Service“ empfohlen, servieren sie hier etwas auch mit viel Fantasie nicht zu klassifizierendes. Ceviche stand auf der Karte, das auf meinem Teller könnte alles sein plus trockener Grüner Salat. Die lachsgefüllten Pimientos lassen jene aus der Kaisers-Truhe wie Gourmetware erscheinen. Das Brot, ein Euphemismus für süßlich-quadratische Milchbrötchen, kostet einen CUC extra. Glücklicherweise habe ich den vor mir harsch hingeknallten Wein nicht bestellt, kann ihn also zurück gehen lassen. Ebenso die Kichererbsen mit Speck, die ich vegetarisch wollte. Die Rechnungssumme ist fern von allem Vertretbarem.

Kurz vor der Abreise zurück ins Hotel passiert es dann wirklich: die Küchenperle kommt zu der Ehre einer privaten Essenseinladung. Das Haus der Gastgeber ist ein ausgesprochen einfaches. Kein fließendes Wasser, eine stetig brennende Gasflamme auf dem Herd und das Trinkwasser schmeckt so, dass ich versuche, den Durst zu vergessen.
Einer solchen Einladung klar im Weg steht mein temporärer Pescetarismus. Spätestens jetzt bestätigt sich die Vermutung, dass ein kubanisches Essen ohne Fleisch keines ist. Angemessen geschockt beobachte ich, wie der Gastgeber Scheiben von einem rosafarbenen Block abschneidet, dessen Wesen ein zweifelhaftes ist, aber ziemlich sicher einmal gelebt hat. Was tun? Angesichts der offensichtlichen Armut wäre Ablehnung mehr als unhöflich. Zumal dieser von Vegetarismus, geschweige denn Pescetarismus bestimmt nie gehört hat. Ich beschließe, es einfach zu essen. Während der Sohn kocht, deckt Mutti den Tisch mit Papierdeckchen, vermutlich etwas für den besonderen Anlass.

Und was kommt auf den Tisch? Die unvermeidlichen Bohnen, diesmal allerdings nicht schwarz, sondern rot (stehen höher im Kurs, sagt der stolze Sohn), mit dem ebenfalls unvermeidlichen Reis. Dazu das in Öl angebratene Fleisch (Schinken, wenn ich es richtig verstanden habe), Tomaten und frittierte Bananen. Von denen hätte ich locker einen ganzen Teller essen können. Das also ist die kubanische Küche. Was sie an Raffinesse, ja seien wir ehrlich, an Geschmack und Variation vermissen lässt, machen ihre Köche immerhin durch Herzlichkeit wett.

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Essen wie ein Kubaner: Reis mit roten Bohnen, so eine Art Speck und frittierten Bananen.

Ach, hätte mir ein solcher Koch doch das Lunchpaket geschnürt! Nie war eines so trostlos wie das auf der Zehn-Stunden-Busfahrt von Havanna nach Holguín. Drei überreife Minibananen, vier Fischkroketten, eine halbe Pizza vom Tag zuvor, eine Minipizza vom gleichen Tag – die das allgemeingültige Gesetz aushebelt, wonach kalte Pizzen immer besser schmecken als warme – und eine Flasche Wasser, bei der ich vergessen habe, darauf zu achten, ob der Verschluss beim Öffnen geknackt hat, mitunter werden Flaschen nämlich mit Leitungswasser gefüllt. Ich glaube, er hat nicht geknackt. Da trifft es sich gut, dass im Rucksack noch vier Pullen Rum lagern, zur möglichen Desinfizierung.

Ach, Havanna, ach! Deine Lebenslust werde ich vermissen, Deine Küche nicht.

3 Kommentare

  1. Amüsanter Text, Eva. Vielleicht etwas zu meckerig, doch triffst du das Gefühl vieler Kuba-Reisender sicher ganz gut. Wobei ich dein Schwabenherz gerne etwas piekse, denn ich habe für die Straßenpizza nur 6 Pesos bezahlt. Freue mich auf weitere Lektüre oder besser Leckertüre.

  2. Ich weiß nicht, was alle erwarten, wenn sie nach Kuba reisen. Es ist nun mal ein armes Land und die High-class Küche sucht man dort vergeblich. Wenn man sich auf dieses Essen nicht einlassen will, Soll man dort nicht hin reisen. Das Gemeckere finde ich unangebracht.

    Auch der Punkt mit dem Wasser: Die Menschen dort sind froh, wenn sie eine Stunde am Tag fließend Wasser haben und fangen es dann natürlich auch auf. Mittlerweile hat sich immerhin die Stromversorgung verbessert.

    Kuba ist wunderschön, sofern sich die Menschen darauf einlassen.
    Aber sei beruhigt, es gibt auch noch Touristen, die sich freuen, dass es Leberkäse Gibt, obwohl es Schinken ist. Da hab ich selten so gelacht. 😉

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