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Statt Apfel

Kind sein: das Gefühl, in der ersten großen Pause die Tupperdose zu öffnen, gespannt, was Mama eingepackt hat. Ein Gefühl, das sich stressanfällige Erwachsene neuerdings mit Hilfe von Lieferservices in Erinnerung rufen, die ihnen sowohl den Selektionsprozess (was esse ich heute?) als auch die Zubereitung (was heißt dünsten?) abnehmen und obendrein die kindliche Überraschungslust bedienen.

Einer von ihnen ist Fresh Parsnip. Auf dem schon jetzt hart umkämpften Markt der Essenlieferservices wirbt dieser mit dem Alleinstellungsmerkmal „vegane und glutenfreie Kost.“ Da rennt Fresh Parsnip offene Türen ein, hat der stressanfällige Erwachsene ja nicht nur keine Zeit zum Kochen, sondern auch ein permanent schlechtes Gewissen die eigene Ernhährung betreffend. Obwohl weder das eine noch das andere auf mich zutrifft, möchte ich das ausprobieren.

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So eine Art Tupperdose…

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… mit weitaus raffinierterem Innenleben.

Fresh Parsnip stellt mir kostenlos das dreitägige Probepaket zur Verfügung. Eins vorweg: die Kundenbetreuung ist tiptop. Täglich steht ein Lieferboy zur gewünschten Zeit mit einer Isoliertasche von beachtlichem Ausmaß vor der Tür. Auch kurzfristige Terminänderungen werden berücksichtigt und Anfragen generell sehr schnell und sehr freundlich beantwortet. Vormittags trudelt der Menüplan per Email ein. Wider die Papierverschwendung, ein Hinweis auf den Nachhaltigkeitsanspruch des Unternehmens. Aus diesem Grund sind die Verpackungen der Speisen vollständig abbaubar und gleichzeitig mikrowellen-geeignet. Mikrowellen betrachten ökologisch korrekte Zeitgenossen ja als Teufelszeug, ich hingegen stelle selbstzufrieden fest, dass die Parsnip-Gerichte kalt noch weniger über ihren Gesundheitsaspekt hinwegtäuschen können als im erwärmten Zustand. An diesen Gesundheitsaspekt wird der Kunde täglich erinnert, dahingehend, dass der Menüplan jeden Inhaltsstoff auf sein Detox-Potential hin abklopft. Das liest sich dann so: „In Trauben steckt jede Menge OPC, ein sekundärer Pflanzenstoff, der selbst Vitamin C und E an ihrer Zellschutzfunktion übertrifft. Zusammen mit dem Resveratrol hilft OPC, den Cholesterinspiegel nachhaltig zu senken.“

Das OPC/Resveratrol erwartet mich am ersten Tag in Form eines Vanilla Chia Puddings mit Brombeere, Quitte und Traube. Leider wertet selbst der großzügig hinzugefügte Ahornsirup diesen Pudding nur unwesentlich auf: er ist einfach nicht süß genug. Frisches Obst schön und gut, aber dann doch lieber mit herzhaftem Porridge, anstatt einem vermeintlich süßen Gericht. Zum Mittagessen gibt es Quinoa mit Hokkaido, Mangold, Olive und Walnuss. Gegen Quinoa ist im Prinzip nichts einzuwenden, allerdings ähnelt seine Konsistenz zu sehr der letzten Mahlzeit. An der Würze wurde gespart, weswegen ich wünschte, nicht im Büro zu sein (wo ich außerdem Gefahr laufe, beim Essen Fotografieren ertappt zu werden), sondern zu Hause, wo ich das Ganze mit Parmesan oder Humus aufpeppen könnte.

Die Zwischenmahlzeit ist ein Smoothie mit Heidelbeere, Paranuss und Ceylon-Zimt, erwartungsgemäß viel weniger süß als das Exemplar aus dem Discounter. Abends gibt es Sellerie Creme mit Ur-Karotte (was um Himmels Willen ist eine Ur-Karotte?), Pastinake und Avocado. Hätte ich den Menüplan vorher nicht gelesen, hätte ich auf Kartoffelpüree getippt, was nicht als Kritik gemeint ist. Am liebsten mag ich den Avocadodip, der zeigt, dass eine Avocado für sich sprechen kann und nicht Guacamole-mäßig gepimpt werden muss. Ich esse das, nebenbei bemerkt, allein im Bett und schaue Tatort (wo Tukur das Feuilleton in Aufruhr versetzt). Statt Erdnussflips sozusagen. Zum Nachtisch verwöhne ich mich aus Gründen der Dialektik mit einem Stück vom IKEA-Glück und Vanilleeis.

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Quinoa mit Hokkaido, Mangold, Olive und Walnuss.

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Sellerie Creme mit Ur-Karotte, Pastinake und Avocado.

Am folgenden Morgen haben unerklärlicherweise gleich zwei Smoothies den Weg in die Box gefunden. Einer – Mango, Kiwi, Kokosnuss, Kardamon – wird umgehend eingefroren, der zweite – Birne, Spinat, Reismilch – zum WG-Frühstück mitgenommen. Ich muss leider sagen: bereits mit dieser Lieferung ist mein Smoothiebedarf für mindestens eine Woche gedeckt. Die erste feste Mahlzeit besteht aus zwei Scheiben Walnussbrot mit Pflaumenmus, Kakao und Mandel. Im Geschmack ein Traum, von der Konsistenz her vielversprechend feucht – zu feucht – fällt das Brot bereits auseinander, wenn man es anhaucht, geschweige denn zu essen versucht. Das Pflaumenmus schmeckt nach saurer Erdbeermarmelade. Dafür ist der lapidar „Kakao und Mandel“ betitelte Aufstrich ein Traum mit dem Potential, diesen zu toppen. Mittags gibt es Japanische Buchweizennudeln mit Teriyaki-Pilzen, Brokkoli und Sprossen. Auch hier muss ich mit Tahin und gerösteten Erdnüssen nachhelfen und trotzdem schmeckt es nicht wie bei Smart Deli. Die abendliche Rohkostlasagne mit Gelber Beete, Tomate und Walnuss, Kürbis, Radieschen, Blumenkohl, Avocado und Macadamia wartet in der Gefriertruhe auf ihren Auftritt.

Schuld sind die großzügig bemessenen Portionen, zu großzügig für mich. Ein Jammer, denn Essen Wegschmeißen macht mich immer sehr traurig. Eine mögliche Lösung ist natürlich das portionsweise Einfrieren – die schwäbische Hausfrau lässt grüßen – aber auch die Gefriertruhe hat nur eine begrenzte Kapazität #gefriertruheamlimit

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Japanische Buchweizennudeln mit Teriyaki-Pilzen, Brokkoli und Sprossen.

Der dritte und letzte Tag startet mit einem Buchweizenporridge mit Brombeere, Pflaume, Grapefruit und Traube (das OPC/Resveratrol, wie konnte ich das vergessen!). Im Vergleich zum Chia des ersten Tages ein echtes Upgrade, vor allem, weil die Konsistenz nach merhmaligem Aufwärmen in der Mikrowelle immer gatschiger wird. Als Zwischenmahlzeit gibt es heute ein Stück Raspberry Raw Cheesecake, das meine Erfahrung mit veganen Backwaren bestätigt: Anders als viele herzhafte Gerichte, erwecken sie nie das Gefühl einer Verlegenheitslösung. Im Gegenteil haben vegane Kuchen, Cupcakes und Co. oft die Gatschigkeit und feine Aromatik, die einem ordinären Marmorkuchen fehlt. Für dieses kleine Stück Kuchenglück hätte ich sämtliche Smoothies eingetauscht.

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Klein und fein fein fein: Raspberry Raw Cheesecake.

Zum Südindischen Süßkartoffel-Curry mit Kichererbsen, Blumenkohl, Aubergine und Spinat kann ich nichts sagen, denn es wurde, richtig, eingefroren. Zur abendlichen Rohkost-Pasta mit Zucchini und Roter Beete, Radieschen, Olive und Tomate und Macadamia hingegen schon. Hier offenbart sich die so klischeehafte wie oftmals wahre Schwachstelle von veganer Kost. Der ausgehungerte Mensch stürzt sich auf die vermeintlichen Nudeln, um festzustellen, dass es Zucchinistreifen sind. In seiner Verzweiflung schüttet er Nüsse darüber und den Minirest Parmesan, der einsam die Stellung im Singlekühlschrank hält. Ein Essen ohne Kohlenhydrate gehört in diesem Zustand zu den frustrierendsten Dingen, die einem passieren können. Erst an diesem letzten Abend merke ich, dass die Fresh Parsnipper ihren Kunden nach 13 Uhr keine Kohlenhydrate mehr gönnen. Ich tröste mich damit, dass ich später noch in den Genuss von feinem Streetfood kommen werde. Die Behauptung „Nachts essen ist böse“ ist nämlich schlichtweg falsch.

So falsch wie die Annahme, der Körper müsse durch eine bestimmte Ernährung von seinem Körpermüll bereinigt werden. Drei Tage vegane und glutenfreie Kost haben bei mir eine regelrechte Detox-Entrüstung ausgelöst. Vegan? Meinetwegen. Glutenfrei? Nun ja. Es gibt Menschen mit einer Glutenunverträglichkeit, erwiesenermaßen allerdings sehr viel weniger, als sich in diesem Glauben wähnen. Glutenunverträglichkeit ist schick, eine Marotte stressanfälliger Erwachsener, die auf diese Weise ihr inneres Kind pflegen, das dieses „bäh“ und jenes „pfui Spinne“ findet. Wer heute zum Dinner einlädt, kann sich auf mindestens drei Unverträglichkeiten (Lakotse, Fructose, Gluten) und fünf Sonderwünsche (vegan, vegetarisch, kein Zucker, nichts, was über 60 Grad erhitzt wurde, nur Dinge, die vom Baum gefallen sind) gefasst machen – aber, herrje, wir schweifen ab. Als noch viel perfider empfinde ich die Detox-Lüge, diesen von Gurus wie Gwyneth Paltrow propagierten Total-Verzicht, der dem Körper seine reinigenden Fähigkeiten abspricht und eine gewaltige Geldmaschinerie am Laufen hält. Erwiesen ist, dass der Körper sich ganz von allein entgiftet. Wer auf dessen Bedürfnisse hört und sich ausgewogen ernährt, braucht keine Entschlack-Getränke. Aber Detox ist nun mal Musik in den Ohren des stressanfälligen Erwachsenen, dafür ist er bereit, für drei Essensboxen einen beinahe dreistelligen Betrag zu bezahlen. Es ist die Zeit der Hochglanz-Weizengras-Bars.

Meine Mama hat von Detox noch nichts gehört. Möglicherweise von Smothies, aber nicht von einem Drink auf Spinat-Basis, der so viel kostet, wie zwei Kilo Spinat und für dessen Herstellung ein Gerät nötig ist im Wert einer ganzen Spinatfarm. Früher wanderte stattdessen ein Apfel in den Schulranzen. Vielleicht sollte sich der dem Schulranzen Entwachsene mal daran erinnern.

Vielen Dank an Magdalena von Fresh Parsnip für das Probepaket – und das Verständnis für eine ehrliche Kritik daran.


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