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Statt Kaffeehaus (Kaffee mit langem -e) – Third Wave Coffee in Wien

Nach Wien kam ich im unerschütterlichen Glauben an die Kaffeehauskultur. Gewiss säßen dort alle den ganzen Tag in hallenartigen Räumen, ließen sich von Kellnern im Frack anmotzen und rührten in ihrem winzigen Einspänner. Die Erfahrung zeigte, dass es solche mondänen Häuser noch gibt, wo Thomas Bernhards Geist weht und ältere Herrschaften über den Sittenverfall schimpfen. Weil aber selbst in Wien die Zeit nicht stehen bleibt (auch wenn die Uhren langsamer ticken), etabliert sich derzeit eine ganz und gar zeitgemäße Kaffeekultur. Off-Spaces, temporäre Projekte, freundliches Personal, das nicht blöd schaut, wenn man um laktosefreie Milch bittet und den Unterschied kennt zwischen Latte Machhiato und Café au lait und trotzdem die lokale Tradition pflegt (kleiner Brauner, Verlängerter, Mélange). In Berlin heißt das Third Wave Coffee, hier vielleicht Dritte Welle, wer weiß.

Dass die Damen von Guerilla Bakery ihr Handwerk verstehen, beweist schon ihr liebevoll bespielter Foodblog (Vegetarierskeptiker: kostet dieses Lasagnerezept!). Seit Ende letzten Jahres betreiben die beiden Schwestern ein temporäres Café im Poc, direkt neben dem Uni-Campus. Poc steht für People on Caffeine, dabei klingt Schwester viel schöner. Der Barista ist tiefenentspannt trotz seines kleinen, zwischen den Gästen tobenden Sohns. Den Kuchen serviert er auf Papptellern (so pragmatisch muss ein junger Vater sein) mit dem Kommentar, er fühle sich wie ein „Würschtelstand.“ Der Kaffee gehört zu den besten, die ich in Wien getrunken habe. Dazu gibt es ein Riesenstück Linzer Torte, einer meiner Lieblingskuchen, an den ich höchste Ansprüche stelle und die dieses Exemplar erfüllt. Meine Begleitung entscheidet sich für Carrot Cake mit einem Frosting aus weißer Schokolade. Leider leider ist kein Platz mehr im Bauch für das Sandwich mit Bärlauch-Hummus. Ich komme wieder. Neun von zehn schwesterlichen Punkten.

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Gilt besonders für tobende Kinder!

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Den People on Caffeine kann man sich anvertrauen.

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Gut versteckt links im Eck: die Linzer Torte.

In Berlin sind Fixies over. In Wien eröffnen sie Fahrradläden mit angeschlossenem Kaffee. Wo, wenn nicht im fünfzehnten Bezirk, der sich gerade für die erste Gentrifizierungwelle rüstet? Auf dem Schaufenster kleben fliegende Toastbrote, innen sieht es nach Werkstatt aus. Die Männer tragen Bart und/oder Beanie. Dank meines Hipsteroutfits aus Nike-Airs und Jutebeutel kommen wir gleich ins Gespräch. Der Kleine Braune steht seinem Pendant in Neuköllner Filterkaffeeläden in nichts nach. Irgendwie schon zu oft gesehen: Fünf von zehn abgeklärten Punkten.

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Die Conceptstore-Welle hat Wien erreicht.

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Club Mate für den Berlinexilanten.

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Ist das nicht eine Partyreihe?

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Street Art, what else?

Das Kaffeemik in der Zollergasse erinnert mit seiner reduzierten Ästhetik an Berliner Pendants wie die Oslo Kaffebar oder Five Elephant. Der Kaffee im Mik kann mithalten, das Personal spricht Wiener Dialekt. Leider ist die Auswahl an Süßem auf Croissants beschränkt. Deswegen hungrige fünf von zehn Punkten.

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Was ist mit Kuchen?

Den Cupcake-Hype hab ich nie so recht verstanden. Wahrscheinlich war Sex and the City schuld, dass plötzlich an jeder Ecke ein Magnolia-Bakery-Verschnitt auftauchte (wobei die Cupcakes des Originals angeblich viel zu süß sind). Bei Brass Monkey gibt es ausschließlich Cupcakes. Diese sind so gut, dass meine liebste Freundin und ich nicht umhin können, das „Buy 5, get 1 free“-Angebot wahrzunehmen. Klarer Sieger ist die vegane Version mit Peanutbutter aufgrund ihres teigigen Schokobodens und dem irre erdnussbuttrigen Topping. Aber auch die Nutella-Oreo-Variante kann was. Schade bloß, dass die Cupcake-Ära ihrem Ende entgegenblickt. Sieben von zehn wehmütigen Punkten.

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Außer Cupcakes gibt es Produkte aus Griechenland, der Heimat der Besitzerin.

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Die schönste Theke Wiens?

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Blumen und nackte Glühbirnen, ein sicheres Ding.

Oder bricht die Cupcake-Äre gerade erst an? Im Museumquartier, diesem Schmekztiegel der kulturellen Coolness, residiert seit kurzem Cupcakes Wien. Braucht die Stadt noch einen weiteren Cupcake-Laden? Wahrscheinlich wäre ich gar nicht erst hergekommen – zu lang ist die Liste der abzuklappernden Cafés, wo mich Österreichischeres erwartet als Minizuckerbomben in Zahnschmerzfarben – hätte mir nicht eine Neu-Wienerin davon abgeraten. Bei Cupcakes Wien seien die Frostings zu mächtig. Zu mächtig? Kein Wunder, dass mein Interesse geweckt ist, verhält es sich mit dem Cupcake-Frosting doch wie mit der Streuselschicht beim Crumble: das Topping ist der eigentliche Star, der Teig beziehungsweise die Obstschicht nur Alibi. Zu viel Frosting kann es nicht geben.

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Schnell den letzten Mohn-Powidl-Cupcake abgestaubt!

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Herzchen, Krönchen machen schon vom Anschauen satt.

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Nichts für gendersensible Gemüter.

Zu viel Pink allerdings schon. Vom zuckersüßen Li-La-Laune-Interieur kann einem leicht übel werden. Herzchen, Krönchen, Punktetellerchen sind eine Herausforderung für den an nordisch-cleanen Chique gewohnten Berliner. Für Gender-Fragen sensibilierte Zeitgenossen fürchten die Verwandlung jedes anwesenden Mädchens in eine Prinzessin. Entsprechend skeptisch werden die Sorten Mohn-Powidl und Maroni-Kürbis verkostet.  Während die Kombination Mohn-Powidl (also Pflaumenmus) keiner Rechtfertigung mehr bedarf, habe ich das Potential von Kürbis in Süßspeisen ja erst kürzlich entdeckt. Die Neu-Wienerin hatte recht, Frosting und Teig stehen im Verhältnis 2:3. Ein Wahnsinn. So perfekt wie das Frosting ist das Küchlein mit seiner mundfüllenden, mit Teigresten durchsetzten Textur. Backen kann so einfach sein, wenn man den Ofen fünf Minuten vor der Zeit ausschält. Selbst Tage später bin ich überzeugt, die herrlichsten Cupcakes meines Lebens gegessen zu haben. Zehn von Zehn Prinzessinnen-Punkten.

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Bei Jospeh: immer doch!

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Blick ins Bistro im dritten Bezirk.

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Handarbeit, die schmeckt.

Und dann gibt es das Joseph. Schon einige Jahre lang als Bäckerei Joseph Brot vom Pheinsten im ersten Bezirk, seit Anfang des Jahres als Bistro im dritten. Allein deren Lavendelbrot lohnt jeden Anfahrtsweg. Lavendelbrot mit einer zentimeterdicken Schicht Butter und Salzflocken von Maldon haben mir viele Wiener Wintertage versüßt. Alles ist noch ein bisschen teurer als anderswo, selbst für Wiener Verhältnisse, so schlägt ein Muffin mit rund vier Euro zu Buche und die hausgemachten Chutneys mit fast zehn. Dafür wirbt Joseph mit dem Versprechen ausschließlich regionaler Zutaten. Schon lange versuche ich, sparsamer mit Superlativen umzugehen, aber bei Joseph schmeiße ich alle Vorsätze über Bord: es gibt in Wien keine besseren Backwaren.

Was wäre Wien ohne Melange? – fragt einer von Jospehs Pappbechern, der wie die Mund-abwischen-oder-Tränen-trocknen-Serviette symptomatisch ist für eine gelungene Corporate Identity. Was wäre Wien ohne Jospeh? Während meiner diversen Aufenthalte habe ich mich durch das halbe Sortiment probiert und alles, wirklich alles ist auf seine Art meisterhaft. Die Brötchen und Brote verlieren auch nach mehreren Tagen nicht ihr Aroma, eine Tüte davon wiegt soviel wie Brot wiegen muss, das keine Aufbackware ist. Sämtliches Naschwerk, von den Linzer Törtchen, über die Marillen-Scheiterhaufen, die Nusskipferl, Apfelstrudel, bis hin zu den Mandelcroissants wären jedes für sich einen eigenen Post wert.

Ganz abgesehen davon, dass Herr Joseph (den es wirklich gibt, sein Konterfei ziert die Sackerl genannten Tüten)  ständig neue, ausgefallene Kreationen auffährt. Bei meinem letzten Besuch etwa ein Mohn-Cheesecake-Haselnuss-Törtchen, Graumohn-Powidl-Muffin und ein Kürbiskern-Creamcheese-Muffin mit Spekulatius. Ganz abgesehen davon werde ich nie dazu kommen, die herzhaften Dinge zu kosten, das Frühstücksangebot, die Kleinigkeiten wie Hummus, Wildkräutersalat, Brioche mit Ei und cremigem Spinat, weil ich immer, immer mit dem Backwerk beschäftigt bin. Ich ersuche deswegen Herr Joseph dringend, Berlin mit einer Filiale zu beglücken, die ich, versprochen, dann an mindestens drei Tagen die Woche aufsuchen werde. Zehn von zehn auf alle Wiener neidische Punkte.

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Marillen-Scheiterhaufen.

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Auch beim Design wurden keine Mühen gescheut.

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Was wäre Wien ohne Joseph?

So viele überzeugende Argumente für ein Update der Kaffeehauskultur. Und doch möchte man, gerade als Besucher aus dem traditionsfeindlichen Deutschland, manchmal das Gefühl haben, die Zeit sei stehen geblieben. So wie hier. Oder hier. Oder hier.


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