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T.E.A.M. = Toll, ein anderer macht’s

Jeder, der mich ein bisschen besser kennt, weiß um meine kulinarische Leidenschaft. Folglich haben seit einigen Jahren die meisten Geburtstagsgeschenke etwas mit Essen und Trinken zu tun. Neben diversen Flaschen Wein (eine als Kundenpräsent von Jacque’s Weindepot, was sagt man dazu), einer frei Haus gelieferten Flasche Champagner und einer ebenfalls gelieferten Torte landeten diesmal zwei fantastische Bücher auf dem Gabentisch: der „Geschmacksthesaurus“, ein Aromenkombinationslexikon, das in jeden Haushalt gehört, und „Die Ignoranten – Wenn Wein und Comic sich begegnen“, eine Weinschule in Comicform, erdacht von einem Illustratoren und seinem Sommelier-Freund. Ein anderer lieber Mensch hat mir einen Gutschein für ein sogenanntes Pastaseminar geschenkt.

Dazu muss gesagt werden, dass ich aus einer nudelverrückten Familie komme. Dass Pasta glücklich macht, braucht uns keiner zu sagen. Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist mein Vater, der nach Hause kommt und sich eine große Schüssel Nudeln kocht, mehr roh als al dente, und ein großes Stück Butter daruntermischt. Flüssige Butter ist einer der großen Glücksfälle der Menschheit.

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Pastaweisheiten, mit dem Löffel gefressen.

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Note to self…

Pasta selber machen steht freilich auf einem anderen Blatt. In der Kreuzberger Kochschule In a la munde wird drei Mal pro Woche ein Drei-Gänge-Menü zubereitet, komplett auf Nudelbasis. Kochschulenbesitzerin Ulli kann sich alle Namen der dreizehn Kochkursteilnehmer auf Anhieb merken, verteilt Prosecco und schickt die Truppe zum kollektiven Händewaschen. Ulli, erfahre ich später, ist den klassischen Weg der Geisteswissenschaftlerin gegangen: Politikstudium, Politikstudiumsjob, Frustration, Liebe zum Kochen zum Beruf gemacht. Seit fünf Jahren gibt es das In a la Munde und ja: so stelle ich mir eine zufriedene Berufsaussteigerin vor.

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Am Nachbartisch kneten sie Mohn in den Nudelteig.

Bei so einem Kochkurs rangiert der eigentliche Erkenntnisgewinn an hinterer Stelle. Ich behaupte, mehr als die Hälfte hat bereits am nächsten Tag vergessen, was gekocht wurde („Schatz, was war noch mal in der Vorspeise drin?“). Eher geht es um das, neudeutsch gesprochen, get together. Es menschelt. Abgesehen davon haben Kochkurse eine eindeutig dialektische Struktur. Diejenigen, die privat nicht kochen, sei es aus Ehrfurcht, etwas falsch zu machen (ein wirklich oft genannter Grund), sei es aus Zeitmangel oder, weil zu viele familieninternen Wünsche berücksichtigt werden müssen (schauerliche Geschichten von Fast Food-besessenen Teenagern machen die Runde) – diejenigen stürzen sich auf den Herd, als gelte es, ein Fleißsternchen im versäumten schulischen Hausarbeitsunterricht zu gewinnen. Diejenigen hingegen, die sowieso regelmäßig und gerne kochen, profitieren vom Engagement der anderen Teilnehmer.

Zur zweiten Gruppe gehöre ich. Gemeinsam mit meinem Plus Eins und zwei redseligen Damen aus Ostberlin soll ich die Vorspeise vorbereiten, Ziegenkäse-Tortelli mit Trüffelöl, Honig und Balsamico. Ulli hat bereits ganze Arbeit geleistet, alle Zutaten liegen nach dem Kochhaus-Prinzip abgewogen bereit. Leuten, die eher aus extrinsischer, denn intrinsischer Motivation kochen (ich bin versucht, zu sagen: aus Statusgründen) nimmt man am Besten so viel Arbeit wie möglich ab. Schließlich soll der Kochprozess ein Erfolgserlebnis sein!

Selbst mit enormer Sorgfalt ist der Nudelteig in drei Minuten fertig. Nach einer vierzigminütigen Ruhephase lernen wir die Nudelmaschine kennnen. Sieben Stufen trennen uns vom hauchdünnen Tortelli-Teig. Es braucht vier Leute, um sie zu bedienen. Einen, der das Rädchen verstellt und darauf achtet, dass keine Stufe übersprungen wird, einen, der dreht, einen, der den Teig einfüllt und einen, der ihn auffängt. Letztere Tätigkeit wird mit dem schönen Verb „empfangen“ euphemisiert, was für allgemeine Heiterkeit und „ich empfange! ich empfange!“-Rufe sorgt. Überhaupt geht es seht lustig zu, Dialoge wie „Darling, ich brauch mein Deckelchen, sonst macht mein Eiweiß schlapp“ sind keine Seltenheit.

Vier Personen an einer Maschine – solche Art fordistische Arbeitsteilung, die nach Arbeitsbeschaffung schmeckt, kann ich nicht gutheißen. Während die anderen Schwerstarbeit an der Nudelmaschine leisten, checke ich Ullis Kochbuchauswahl und bleibe beim „Silberlöffel“ hängen – noch so ein Standardwerk, das in meiner Sammlung fehlt (der nächste Geburtstag kommt bestimmt, liebe Freunde!). Anschließend inspiziere ich die Küchenausstattung, genauer das Ölsortiment, eine Marotte von mir, so wie andere unauffällig die Handcremes auf dem Gästeklo testen. Ulli kocht mit diesem Bio-Öl, für besondere Anlässe und Salate nutzt sie ein italienisches, dessen Herkunft allerdings nicht rekonstruiert werden kann, da es ein Geschenk war (feines Olivenöl, auch eine Idee für den Gabentisch, hust). Am Nachbartisch kneten sie derweil Mohn in den Nudelteig, auch da bleibe ich gerne stehen und schaue zu.

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Empfangen!

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Nicht ziehen… empfangen!

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Viele Arbeitsschritte führen zum Ziel.

Nach getaner Nudelmaschinenarbeit geht es ans Ausstechen, wo ich wieder kräftig mithelfe. Die vielen Teigreste werden mit martialischem Eifer von meinem Plus Eins zu sogenannten Maltagliati zerrollt, übersetzt „schlecht geschnitten“, eine Bezeichnung für Nudelreste als Suppeneinlage. Der eine gibt, der andere empängt, der dritte baut Aggressionen mit dem Nudelrädchen ab – so kommen alle auf ihre Kosten. Ich hingegen erinnere mich an die Gruppenarbeiten aus Schulzeiten, wo immer schon klar war, dass man sich auch entspannt zurücklehnen kann, während andere welche Ernte auch immer einfahren. Ein schlauer Fuchs hat das so bezeichnet: T.E.A.M., als Abkürzung: Toll, ein anderer macht’s.

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Ziegenkäserollen.

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Tortelli vor dem Siedepunkt.

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Pasta e basta!

Und wie schmeckt es? Ich finde: wunderbar. Der Kombination aus Trüffelöl, Honig und Balsamico können jedoch nicht alle etwas abgewinnen, manch einer behauptet sogar, das Trüffelöl stinke. Als Hauptgang serviert das Konkurrenzteam Safran-Mohn-Cappelletti in Zitronen-Zwiebelsud. Deren Füllung aus Ricotta und Parmaschinken geht zwar ein wenig unter im Zwiebelaroma, ist aber trotzdem so lecker, dass fast alle eine zweite Portion verlangen. Leider kann das Dessert dem wenig entgegensetzen: die Kirsch-Quark-Lasagne ist von zäher Konsistenz, das Schokoladeneis leider nicht selbst gemacht. Eine süße Lasagne? Man muss, finde ich, nicht bis zum Schluss auf das Pastadiktat pochen.

Nach dem Essen, nach dem Espresso, greift erneut das T.E.A.M.-Prinzip: Abräumen und abspülen entfällt. Stattdessen rollen wir unsere Rezpete zusammen und treten den Heimweg an. Wenn Kochen derart von allen Unannehmlichkeiten gereinigt ist, nehme ich gerne eine zweite Portion.


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1 Kommentar

  1. Hat uns sehr gut gefallen. Locker, spritzig, visuell hervorragend aufbereitet und dazu noch informativ. Steckt wohl ein munteres „Persönchen“ dahinter !

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