image
Artikelformat

Über Bum Bum und andere, die Kindheit ruinierenden Eissorten

1 Kommentar

„Wer in den achtziger Jahren in Italien aufgewachsen ist, saß hinten im Auto nie angeschnallt, hat seine Eltern noch vom Münztelefon (‚a gettone‚) aus angerufen und wenigstens einmal ein Schlumpf-Eis gegessen, ein eher verstörendes Erlebnis. Fast zwanzig Jahre lang hat das tief türkisfarbene Eis die Theken der italienischen Eisdielen ruiniert, was vor allem uns Römer geärgert hat.“

Die falschen Eissorten ruinieren nicht nur Eisdielen, sondern mitunter eine Kindheit.Während sie in Italien offenbar vom Schlumpfeis heimgesucht wurden (die Schlümpfe muss man schon deswegen boykottieren, weil es in deren Dorf nur eine einzige Frau gibt), lutschten wir damals Minimilk (langweilige Sorten, aber schönes Corporate Design mit herzigen Kälblein), Ed von Schleck (dieser irre Drehmechanismus, der irre viel Plastikmüll produziert – nicht unbedingt dem jungen ökologischen Gewissen förderlich) und Bum Bum (ein Kracher im absolut negativen Sinn: Eis als Chemiebaukasten). Je länger ich über Eisstiele nachdenke, die aus Kaugummi bestehen, desto dankbarer bin ich, dass wir Kinder der 90er keinen bleibenden Schaden davon getragen haben. Auch dank elterlichen Interventionen. Von einer klugen Mutter weiß ich, welche Regeln für Kinder im Urlaub gelten müssen. Regel 1: Nur ein Eis pro Tag. Regel 2: Nur jeden zweiten Tag ein Eis.

Bei meinem letzten Heimatbesuch lebte für einen kurzen Moment das knallblaue Eis-Grauen wieder auf. Zwischen die Dauerbrenner Straciatella und Pistazie hat sich etwas gemogelt, dessen Farbe euphemistisch gesprochen als „interessant“ bezeichnet werden kann. In schwäbischen Kleinstädten traut man sich was! Hergestellt wird das sogenannte Spiruli laut auskundefreudigem Eisverkäufer (ihn hätte ich mal nach seiner italienischen Kindheit befragen sollen) aus Algen. Soso. Tatsächlich war es leckerer, als die (angeblich naturbelassene) Bubblegum-Farbe vermuten ließ.

image

Spiru-was?

Ein verstörendes Eiserlebnis im absolut positiven Sinn hatte ich hingegen dieser Tage bei Vanille & Marille (Süddeutsche und Österreicher sprechen das -e am Ende selbstbewusst mit): Erdnusseis mit hausgemachten Browniestücken. Die meisten davon waren größer, als ein einzelner Bissen fassen kann. So kommt es, dass ein halber Kuchen den Weg in eine Kugel Eis findet (oder ein ganzer in zwei). Für Kinder, die vor der Entscheidung stehen: Eis oder Kuchen? also die ideale Wahl. So schmeckt eine glückliche Kindheit in Berlin-Kreuzberg.

Wie es sich mit einer Kindheit in Großbritannien verhält, muss noch untersucht werden. Der Junge weiter oben müsste es wissen, das Foto ist von Martin Parr. Falls es sich um ein Softeis handelt, wünschen wir ihm, dass es nicht aus einer dieser furchtbar unhygienischen Straßenständenmaschinen kommt. Weil ein Softeistrauma gewiss eine Kindheit ruiniert.

1 Kommentar An der Unterhaltung teilnehmen

  1. Pingback: MILCHMAEDCHENMONOLOG – “400 Gipfel, 400 Girls, here I am!”

Schreibe eine Antwort

Pflichtfelder sind mit * markiert.