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Von meinem Unverständnis für Filterkaffee und einem ganz großartigen Carrot Cake

Kaffee ist das Distinktionsmittel der Stunde. Latte Macchiato mit H-Milch? Amarettini auf der Untertasse? Are you kidding? Wer kulinarisch etwas auf sich hält, fürchtet wässrigen Cappuccino wie der Teufel das Weihwasser. Da will ich mich gar nicht rausnehmen. Ratlos beobachte ich dagegen den derzeitigen Siegeszug des Filterkaffees. Mit Filterkaffee assoziiere ich Nachmittage bei Oma und das Schülercafé in der Mittelstufe. Läuft es gut, streckt man die Plörre mit viel Milch, läuft es schlecht, ist sie auch noch entkoffeiniert.

In Berlin leisteten die Bonanza Coffee Heroes mit ihrer Hausröstung, die im gleichnamigen Café zu Wahnsinnspreisen verkauft wird, Pionierarbeit. Es folgte The Barn (jawoll, das ist der Laden, der mit seinem Kinderwagenverbot einen Skandal auslöste). Mittlerweile schießen die Filterkaffeeläden wie Pilze aus dem Boden. Allein in meiner unmittelbaren Nachbarschaft gibt es gefühlte fünf Stück, einer davon ist das Silo (der seine Bohnen von The Barn bezieht). Dann natürlich Five Elephants mit seinem unübertroffenen Cheesecake. Niemals würde ich zu diesem Cheesecake (oder einem der anderen, gleichwohl fantastischen Kuchen; ich hab sie fast alle durchprobiert) eine Tasse „Ethiopian Roast“ trinken.

Damit keine Missverständnisse entstehen: Ich liebe Kaffee. Es hat mich Jahre gekostet, den ungefähr richtigen Moment abzupassen, in dem das Espressokännchen vom Herd genommen wird. Grundsätzlich lasse ich mich gerne von Hypes, so albern sie auch sein mögen, mitreißen, aber für das Tamtam um diese reichlich dünne Flüssigkeit fehlt mir jegliches Verständnis. Mit meiner Meinung stehe ich recht alleine da. Hipster trinken Filterkaffee, alle anderen auch. Hamburg und Berlin sind sich auch in dieser Hinsicht ähnlicher, als sie wahrhaben wollen. Als mich ein Freund in Hamburg besuchen kam, galt es, unsere beiden Präferenzen – großartigen Kuchen und großartigen Filterkaffee – zu vereinen. Unsere Wahl fiel auf den Stockholm Espresso Club. Beinahe hätten wir den Weg von Altona nach Winterhude gescheut, der eine kleine Weltreise ist (erstaunlich, wie schnell man Gewohnheiten adaptiert: in Berlin wäre diese Distanz ein Witz). Wie gut, dass wir diese Strapazen auf uns nahmen!

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Erinnert an den Chemieunterricht, dient aber der Kaffeezubereitung.

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Lollis im Moustache-Look können käuflich erworben werden.

Unser Besuch fiel auf einen Sonntag zur besten Kaffeeklatschzeit. Es gibt nicht viel Platz im Stockholm Espresso Club, dafür ist der wenige nicht nur optimal genutzt (mit einem Hauptraum und einem ruhigeren Nebenzimmer), sondern auch – scandinavia at it’s best – ein Augenschmaus ganz in weiß, mit Holzdielen und frischen Blumen auf jedem Tisch. Skandinavisch ist auch das freundliche Wesen des Personals. Wie diese mit der tobenden Kinderschar umgehen, ist das genaue Gegenteil vom Snobismus des Barn.

Mein Latte kommt im Tumbler und ist mit einem Wort: perfekt. Perfekte Temperatur (für Kaffee wie Milch gilt: zu heiß schmeckt nicht), perfektes Espresso-Milch-Verhältnis, perfektes Aroma. Meine Begleitung trinkt Filterkaffee und fachsimpelt (in Hamburg sagt man: schnackt) mit dem Baristo über Keramikfilter, Mahlgrad, Ziehzeit und den Vergleich French Press versus Aero Press, der bekannterweise die Gemüter spaltet.  Der Filterkaffee, so lasse ich mir sagen, habe geschmeckt.

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Latte aus dem Tumbler, warum nicht?

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Kaffeehaus-Stillleben-

Ich bin derweil mit unserer Kuchenauswahl beschäftigt. Es gibt nur zwei Sorten, Cheesecake und Carrot Cake. Dazu passt meine Vermutung, dass der Carrot Cake der Bienenstich der Nuller Jahre ist. Es ist wie mit dem Grünen Veltliner in Österreich, wenn es nur zwei Sorten Kuchen gibt, ist einer davon garantiert ein Carrot Cake.  Umso schwerer, ein gelungenes Exemplar zu finden. Viele Bäcker verwechseln diesen mit einer Rüblitorte (Zuckerguss statt Frosting, weniger kompakt, weniger feucht). Im Stockholm Espresso Club kennt man den Unterschied, der Cheesecake ist gelungen, wenn er auch nicht an sein Pendant im Five Elephants heranreicht. Im Gegensatz dazu ist der Carrot Cake wie der Latte perfekt. So perfekt, dass ich auf Anhieb Lust bekomme, mal wieder selbst einen zu backen. Mein Rezept halte ich nämlich, mit Verlaub, auch für nahezu vollkommen. Bitte schön:

Der möglicherweise perfekte Carrot Cake

3 Tassen geraspelte Karotten

1 Tassse gehackte Walnüsse

1 Tasse Zucker (ich nehme immer Rohrohrzucker)

2 Tassen Mehl

1 1/2 Teelöffel Zimt

1 Teelöffel Backpulver

1 Teelöffel Vanillezucker

1 1/2 Teelöffel Salz

1/4 Teelöffel Lebkuchengewürz

3 Eier

1 Tasse Sonnenblumenöl

Für das Frosting:

Eine Packung Doppelrahmfrischkäse

250 Gramm Puderzucker

1 Teelöffel Milch

Erst die trockenen Zutaten mischen, die geraspelten Karotten und gehackten Walnüsse zugeben. In einer zweiten Schüssel Eier und Öl mit dem Handrührgerät mischen. Dann zu den trockenen Zutaten geben und nur kurz durchmischen. Kleiner Exkurs: Im Prinzip besteht das ganze Geheimnis der feucht-teigigen Konsistenz amerikanischer Backwaren darin, dass die trockenen und die flüssigen Bestandteile keine homogene Masse bilden, sondern nur kurz miteinander in Berührung kommen. Die Masse in eine Kastenform geben und bei 200 ° C 40 Minuten backen; alle, die am Liebsten den Teig roh aus der Schüssel essen, nehmen ihn früher raus. Für das Frosting alle Zutaten mischen und auf den gebackenen Kuchen streichen. Drei Stunden kühlen.


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