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Was Hans mich nicht lehrt, lern ich von Hänschen

Ich habe einen Wiener Freund, der möchte mir seine Kultur erklären. Nennen wir ihn Hans. Hans findet, nichts bündele die österreichische Seele so sehr wie der Heurige. Man muss sich den Heurigen als bodenständige Version eines Weinlokals vorstellen. Hans‘ Jugend fand praktisch ausschließlich im Heurigen statt, daher sein fundiertes Wissen und sein Wunsch, mich an diesem teilhaben zu lassen.

Was fängt der Deutsche im Heurigen an?

Erste Lektion: Im Vordergrund steht nicht das Essen, sondern der Wein. Weil der Wein aus lokaler Produktion stammt, geht er problemlos als „bio“ durch. Bier trinken hingegen geht gar nicht, schon die Frage danach markiert den Idioten. Wobei, sagt Hans, mancher Wirt  unter seinem Tresen eine Notfallbierkiste verstecke.

Zweite Lektion: Man muss sich den Heurigen als einen heiteren Ort vorstellen. Musiziert wird nicht zu irgendjemandes Belustigung, sondern um der reinen Daseinsfreude willen. Bloß keine Münze springen lassen wie für den Straßenmusikanten! Das hochkomplexe  Wienerlied entfaltet erst beim mehrmaligen Hören seinen Zauber.

Dritte Lektion: Ein Heuriger hat nicht geöffnet, er „steckt aus.“ Seine Termine mögen auf den Fremden ähnlich willkürlich wirken wie die Türpolitik in Berliner Technoclubs. Im Gegensatz zu deren Willkür, greift beim Heurigen das bewährte System von sich selbst regulierendem Angebot und Nachfrage. Entscheidend ist, wie schnell die Weinvorräte zur Neige gehen. Sind sie alle, hat es sich ausgesteckt.

Vierte Lektion: Jetzt, wo Österreich sein Spracherbe bedroht sieht, kann es nicht schaden zu wissen, dass Auberginen Melanzani heißen und Tomaten Paradeiser.

Leider nahm Hans meine praktischen Lektionen bisher nicht annähernd so ernst wie die theoretischen. Immer wieder fand er Ausreden, warum er heute nicht in den Heurigen mit mir fahren konnte. Schade, ist doch die erste Hürde die Entfernung. Weinberge befinden sich ja gemeinhin jenseits der Stadtgrenze, die Anfahrt ohne Auto ist ein Problem. Hans hat meines Wissens nach ein eigenes Auto. Eine nur bedingt befriedigende Alternative sind Stadtheurigen wie die 10er-Marie. Für meinen Freund Hans ist dieses Etablissement eine persönliche Beleidigung und die gerechte Strafe für Immigranten wie mich, die seine Tradition mit Füßen treten. Ich war mal da, als ganz so schlimm empfand ich es nicht. Unsere kleine Gruppe aß damals vom Buffet, wohl wissend, dass nach Gewicht abkassiert wird (und herrje, wie schlecht ich Gewicht schätzen kann, weiß ich spätestens nach dem Nudelbuffet in der Feinkostabteilung bei KADEWE, aber das ist eine andere Geschichte). Einige aßen Schweinshaxe; inwiefern das mit der Heurigenkultur zu vereinbaren ist, weiß ich nicht.

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Hier ist der Trinker König.

Ein anderes Mal landete ich bei Sissi Huber, benannt nach dessen vollbusiger Besitzerin („Kommen Sie doch einfach mal vorbei, lernen Sie die Sissi persönlich kennen und lassen Sie sich ein bisserl verwöhnen!“). Es war Sommer und die Fahrt mit der Straßenbahn (in Wien heißt sie „Bim“) ein schöner Auftakt für eine Landpartie. Gegessen wurde bei Sissi à la carte („Sie weiß einfach, wie es geht!“), in meinem Fall hausgemachte Gnocci mit irgendeiner fancy Beilage und zum Nachtisch eine Mehlspeise. Es wurde, glaube ich, auch gesungen. Als ich ihm von der Sissi erzählte (leider, ohne sie persönlich kennen gelernt zu haben), war Hans fassungslos. Gnocci im Heurigen, kein Wunder, dass es mit seinem kulturellen Erbe stetig bergab gehe.

Seltsamerweise wollte mir Hans trotzdem nicht seinen Heurigen zeigen. Er ist halt ein Theoretiker durch und durch. So verließ ich mich für den dritten Versuch auf einen anderen Ortskundigen. Nennen wir ihn Hänschen. Hänschens Wahl fiel auf den Steinklammer Fuchs (Füchse säumen meinen Weg). Hans kannte den Fuchs nicht, war aber beruhigt, dass er im dreiundzwanzigsten Bezirk liegt, demnach weit genug weg, um als Touristenfalle durchzugehen. Wieder genoß ich den Weg dorthin sehr. Es war Frühling. Ende April sah der Himmel über den Wiener Randbezirken aus wie eine dramatische Fotografie, grenzenlos. Ein Gewitter lag in der Luft.

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Der Himmel über den Randbezirken –

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Wieder eine ganze neue Welt: das Beisl.

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Ein Fuchs im Namen / kann nicht schaden.

Im Heurigen hingegen lag Qualm in der Luft. Seltsamerweise ist Österreich ja eine der letzten Raucherbastionen europaweit. Wird dem Wiener seine Zigarette weggenommen, dann grantelt er. Kein Wunder, manifestiert sich im Akt des Rauchens doch seine latente Todessehnsucht. Überquellende Aschenbecher enthalten einen Vanitas-Moment, erinnern an die Vergeblichkeit allen irdischen Seins. Gegen internationale Gesetzgebungen ist der Österreicher dennoch machtlos. Weil den befremdlichen Wahlplakaten zum Trotz („Europa im Kopf, Österreich im Herzen“) der lange Arm der EU bis nach Wien reicht, gibt es im Heurigen einen Nichtraucherbereich. Da nahmen wir Platz.

Ein Blick auf die Karte zeigte, dass der Bärlauchsaison in Form von Spaghetti mit Bärlauchpesto und Bärlauchsuppe Tribut gezollt wurde. Grüner Spargel mit Feta-Rollen auf Blattsalat klang auch gut („Sind wir am Mittelmeer?“, würde Hans sagen) und sowieso die verlockend klingende Dessertauswahl (Tiramisu mit Erdbeeren und Mandelkeksen). Hänschen verwies aber stattdessen auf das reichhaltige Angebot in den Vitrinen. Keine Frage gehört das Mit-dem-Finger-auf-eine-riesige-Auswahl-Essen-Zeigen zu den angenehmen Seiten des Lebens. Wir zeigten auf Oliven, gegrillte Auberginen – pardon Melazani – gefüllte Peperoncini (Hans: „Ist das nicht Antipasti?“), eingelegte Zwiebeln und Tête de moine („Wir können genauso guten Käse machen wie die Franzosen“). Dazu Haselnussbrot und Knauzen. Wenn schon kein Bärlauchpesto, dann wenigstens Bärlauchaufstrich und ein wenig vom unvermeidlichen Liptauer („Das ist Österreich“).

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Ein Antipastisortiment?

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Frankreich lässt grüßen.

Was den Wein betrifft, blieben wir klassisch. Der gemischte Satz ist eine lokale Besonderheit, der mit dem Namen „Klippe“ aus dem Jahr 2013 bestand aus Welschriesling, Grünem Veltliner, Riesling und Sauvignon Blanc. Er wurde mit dem österreichischen Gütesiegel DAC  (Districtus Austriae Controlatus) prämiert und ist Teil der Slow-Food-Bewegung – ein sicheres Indiz, dass die Gegenwart Einzug in den Heurigen hält, was Hans gewiss zur Weißglut getrieben hätte.

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Jause, die: Brotzeit.

Auf meinen Wunsch hin krönten wir das Dessert (Topfennockerl auf Erdbeermark) mit jeweils einem Glas Shiraz und Pinot Noir, beide von 2011. Letzterer erwies sich als die bessere Wahl, ein Wahnsinnsaroma, ein Nachtisch für sich, wir fanden: Schwarzwälder Kirschtorte. Wir rekapitulierten, was es noch mal mit den Schlieren am Glasrand auf sich hat und wurden ganz wehmütig, das verlangte die allmähliche Dunkelheit, die sich draußen über die Weinstöcke legte. Statt einer weiteren Flasche Pinot Noir, die uns wahrscheinlich zum Singen gebracht hätte, bestellten wir vernünftigerweise die Rechnung. Angesichts der Menge und Qualität von Essen und Wein war die Summer darauf ein Witz. Hans hatte recht: der wahre Heurigenwirt bereichert sich nicht.

Nach über vier Stunden waren Hänschen und ich unter den letzten Gästen. Knarzige Urwiener begutachteten uns vom Nachbartisch aus, wir waren unbesiegbar, wir hatten den Heurigen-Habitus voll durchschaut. Leicht schwankend begaben wir uns zum Ausgang. Als ich die Augen schloß, konnte ich die Wienerlieder hören. Hans hätte gesagt: „Gute Nacht.“


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