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What happens in Preußenpark, stays in Preußenpark

Wem gehört die Stadt? Und wem die coolen Orte in dieser Stadt? Denen, die immer schon da waren? Den Zugezogenen der ersten, zweiten, dritten Generation? Fragen, die gemeinhin in der Gentrifizierungsschublade landen, betreffen bislang auch den Berlin-Mitte-Bewohner auf seinem Sonntagsausflug nach Wilmersdorf. Ziel ist die Thaiwiese im Preußenpark.

Ich war schon mal in Thailand, weswegen es sich anbieten würde, zu schreiben: alles total authentisch hier. Das wäre gelogen. Unübersehbar sind das weder schwimmende Märkte, noch Gassen in Bangkok, sondern eine durchschnittliche langweilige Wiese in West-Berlin. Es liegt ein wenig Müll gerum, aber nicht allzu viel, keine Flaschen, das erledigen die Pfandsammler. Ein Mikrokosmos aus älteren Herren mit Klappsonnenbrillen und Fußballschal auf Plastikstühlen, die junge Smartphonebesitzer bitten, ihnen die Ergebnisse des – was? – Hertha-Spiels zu verraten, ältere Damen wie Wachspuppen, die dem Alter mit grellem Make-up trotzen, feine ältere Damen mit latent morbidem Perlenketten-Chic und ein erwartbar überproportional hoher Anteil an Thais. Hier wiederum weitaus mehr Frauen als Männer, junge Frauencliquen mit Blingbling-iPhonehüllen, als Gegenentwurf zur Prenzlauer-Berg-Sojalatte-Mutti und natürlich all die schnippelnden, hackenden, frittierenden, bratenden, münzenklimpernden (stilecht nur in der Bauchtasche) Verkäuferinnen. Keine Männer.

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Es hat Jahre gedauert, aber ich habe sie gefunden: die Sigmaringer Straße.

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Frittiertes macht glücklich.

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Bei frittierten Hühnerfüßen bin ich mir allerdings nicht so sicher.

Von Ständen zu sprechen, wäre ebenfalls an der Realität vorbeigeredet. Die meisten der Frauen sitzen auf dem Boden oder besagten Plastikstühlen. Es werden Maßstäbe in Sachen Tupperware gesetzt. Gekocht wird über Bunsenbrennern, die den Gasphobiker mindestens einen Schritt zurücktreten lassen. Nicht nur deswegen ist die Garküchen-inspirierte Chose mehr geduldet als behördlich abgesegnet – das Gesundheitsamt würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Als Besitzerin einer solchen kann ich desweiteren mit Sicherheit sagen, dass keine der Verkäuferinnen im Besitz einer „Roten Karte“ ist (Voraussetzung für einen Gewerbeschein im Umgang mit Lebensmitteln, erhältlich gegen eine absurde Gebühr und der Teilnahme an einem Kurs, der auf die Wichtigkeit des Händewaschens nach dem Toilettengang verweist).

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Das lassen wir aus.

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Das nicht: süßer Reis im Bananenblatt.

Das Essen hingegen: ein Traum. Am Besten, man packt abgesehen von der Picknickdecke und Kaltgetränken (denn auf das Sortiment hier würde ich nicht bauen) all seine Freunde ein, um sich gemeinsam durchzuprobieren. Besser auch, man bricht die ungeschriebene Berlin-Regel und kommt vor 16 Uhr, denn da ist bereits einiges ausverkauft.

Wir teilen uns: eine scharfe, klare Suppe mit undefinierbarer Fleischeinlage, frittierte Maiskugeln mit einer Sauce, die nur nach Fett schmeckt und köstlich ist, Satéspieße, Schweinefleischkugeln am Spieß, gedämpfte Hefeklöschen (Bun bao, der Renner beim Bite Club), frittierte Erbsen-Tofu- und Garnelen-Rindertaschen mit Kokosflocken und Sojasauce, Frühlingsrollen mit Erdnussdip, frittierte Banane mit Kokoscreme und süßen Klebreis im Palmblatt.

Alles kostet ungefähr nichts oder zwei Euro. Servietten sind Mangelware, vieles geht dann halt daneben. Kein Ort für ein erstes Date, außer man findet großflächig verschmiertes Frittieröl sexy, aber Freunde kennen das. Ein Scherzkeks in der Runde kommt mit einer Tüte frittierter Hühnerfüße daher. Wenn man den Ekel überwunden hat, schmeckt es nach „frittiert“, aber von schlimmster Konsistenz, knorpelig, sehnig, ungenießbar. Abgesehen davon kann ich gar nicht aufhören zu essen. Man sagt mir, ich sehe sehr glücklich aus.

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Servietten sind Mangelware, Köstlichkeiten nicht.

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Mit ihm Bild: das Gentrifizierungssymbol Jutebeutel.

Vereinzelt rücken tätowierte Oberschenkel und Plateauschnürschuhe ins Blickfeld. Offenbar hat sich die frohe Botschaft von der Thaiwiese, die ja nichts anderes ist als ein Open Air Street Food Markt, bis nach Neukölln verbreitet. Ihr hippen Kinderlein kommet! Handcrafted Bier in der Markthalle Neun trinken kann jeder, der Avantgardist kippt gefährlich nach Fusel riechenden Thaischnaps in Wilmersdorf.

So jedenfalls dachte ich mir das, wohl ahnend, dass ich mal wieder mehrere Jahre zu spät dran bin. Immerhin ergibt eine schnelle Umfrage im Freundeskreis, dass nur diejenigen auf der Thaiwiese waren, die in Wilmersdorf leben (eine Minderheit). Jene berichten, wie sehr sich all das verändert habe in den letzten Jahren, ein typischer Fall von vorzeitiger Nostalgie. Dabei war doch Cee Cee schon da.

Auf welch gefährlichem Terrain ich mich bewege, merke ich, als ich ein Foto von brutzelnden Fleischteilen machen will, woraufhin mich ein Klappstuhlherr rüde angeht. Ich versichere ihm, dass weder er noch seine Klappstuhlkumpels darauf zu sehen sind, aber darum geht es ihm gar nicht. Worum es ihm geht: what happens in Preußenpark, stays is Preußenpark (natürlich hat er es anders formuliert). O-Ton: „Ich will nicht, dass das hier um die ganze Welt geht. Dann kommen immer mehr Leute.“ Mein Argument, dass es sowieso um die Welt geht, aus Gründen eines medialen Wandels, der im weitesten Sinn mit diesem Internet zu tun hat, interessiert ihn nicht. Solange es Menschen seines Schlags gibt, hat die Digitalisierung noch nicht gewonnen, glaube ich.


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